Interview mit Dr. Kurt Richebacher

24. Dezember 2002

Übersetzung von Kai Hacke­messer

Quelle: http://www.investmentrarities.com/weeklycommentary.html

Vorwort

Dr. Kurt Riche­bacher hat eine unheim­liche Fähigkeit demons­triert, zukünftige wirt­schaft­liche Probleme zu iden­ti­fi­zieren. Der frühere Chef­volkswirt der Dresdner Bank warnte vor der Rezession und dem NASDAQ-Crash Monate, bevor es geschah. Er sagte den Zusam­men­bruch der asia­ti­schen Tieger­staten 1998 voraus und lies lange vor Enron die Alarm­si­renen ertönen, was die Tricks um die Unter­neh­mens­ge­winne anging. Als beinahe jeder sich einer V-förmigen Erholung sicher war, behauptete er, daß dies unmöglich sei.

Als Meister der klas­si­schen Volks­wirt­schaft und viel­leicht der beste analy­tische volks­wirt­schaft­liche Denker der heutigen Welt schreibt Dr. Riche­bacher einen monat­lichen Rundbrief, den „Richebacher-Brief”. Bei seinem beein­dru­ckenden Rekord genauer Warnungen und Voraus­sagen ange­sichts der meist einstim­migen Oppo­sition aus Establishment-Volkswirtschaften denken wir, daß das folgende Interview mit voller Konzen­tration und Kombi­na­ti­ons­fä­higkeit gelesen werden sollte.

Damals im März’97 warnten Sie, daß ernste Probleme die schwer verschuldete Wunder­wirt­schaft im Fernen Osten bedrohen. Warum hatten Sie dieses Problem ins Licht gerückt?

Ihr Boom war kredit­in­du­ziert. Sie gerieten schwer in Schulden, um exzessiv zu bauen.

Die gleiche alte Geschichte?

Ja, Abge­zogene Gelder und Kredit­wachstum und die typischen Symptome von sich überhit­zenden Volks­wirt­schaften — Inflation, Speku­lation und finan­zielle Exzesse.

Dann, im Juni’98 sagten Sie, „Später dieses Jahr wird sich die US-Wirtschaft abrupt verlang­samen”. Was hatten Sie wahrgenommen?

Die Gewinne gaben nach und Unter­nehmen neigten zu selbst­zer­stö­re­ri­schen Finanz­tricks und Buch­hal­tungs­ma­növern einschließlich schwerer Speku­la­tionen und Lever­aging. Ich schrieb, daß einige durch explo­die­rende Papier­werte unglaublich reich wurden, aber Erspar­nisse und Kapi­tal­bildung erbärmlich seien.

Dann sagten Sie den Zusam­men­bruch des Akti­en­marktes und der Tech­no­lo­gieblase voraus. Wie konnten Sie das?

Die großen speku­la­tiven Manien der Geschichte waren mit Neue­rungen verbunden, die große öffent­liche Begeis­terung auslösten. Das war auch der Fall beim Internet, und damit einher­gehend hatten wir die allge­gen­wärtige Überschwemmung mit Geld und Kredit. Ja, ich schrieb, ein Bären­markt sei unausweichlich.

Ende 1999 nannten Sie es eine klas­sische speku­lative Blase. Warum nur Sie, sonst niemand? Ich denke, Lawrence Kudlow sagte, das Internet sei wichtiger als die Fed und der Dow müsse auf 30.000, 50.000 oder höher steigen.

Ja, die Art von Unsinn half, den Boom an der Wall­street zu fördern. Wir erwar­teten, daß ein scharfer Einbruch in Tech­no­lo­gie­werten der Todesstoß für die größere US-Aktienmarktblase sein würde, wie es dann auch kam.

Im Herbst 2000 war der Glaube weit verbreitet, daß die US-Volkswirtschaft eine weiche Landung haben würde. Was war Ihre Meinung hierzu?

Nun, ich schrieb, daß Hoffnung auf eine weiche Landung in der US-Wirtschaft völlig fehl am Platze sei. Die Kredit­ex­zesse der späten 90er waren viele male schlimmer als die der 80er oder gar der 20er. Ebenso die Unaus­ge­wo­genheit in der Volks­wirt­schaft und dem Finanz­system. Sie brauchten bloß die private 0%-Ersparnis-Quote und das erstaun­liche Handels­bi­lanz­de­fizit betrachten. Ange­sichts dieser kata­stro­phalen Tatsachen von exzel­lenten Funda­men­tal­daten der US-Volkswirtschaft zu sprechen erfordert schon eine ziemliche Dummheit.

War es die schlimmste Kredit­blase der Geschichte?

Absolut richtig.

Was sagten sie damals zu der V-förmigen Erholung, die alle diese Experten voraussagten?

Ich schrieb, daß es eine große Überra­schung geben würde, wie schnell die US-Volkswirtschaft in naher Zukunft schwächer würde.

Worauf basierte Ihre Voraussage?

Die Gewinne brachen ein, die schwer­ver­schul­deten Unter­nehmen schränkten ihre Ausgaben ein und neue Inves­ti­tionen in Kapi­tal­güter wurden zurück­ge­stellt. Ernste Probleme überall.

Das bringt uns in die Gegenwart. Werden wir wider in die Rezession geraten?

Ja. Die dras­tische Schwäche der US-Volkswirtschaft wird wie ein großer Schock über die Welt herein­brechen. Ein fallender Dollar wird daraus einen Alptraum machen.

Was macht Sie so sicher? Die meisten Volks­wirt­schaftler sehen eine Erholung.

Ich bin bestürzt über das niedrige Niveau von volks­wirt­schaft­lichem Denken in den USA. Jahr­hun­der­tealte Grund­la­gen­ein­sichten in volks­wirt­schaft­liche Prozesse sind unbekannt, verworfen oder sogar auf den Kopf gestellt. Die Fakten sind, daß Sie ernst­hafte struk­tu­relle Probleme haben, die jegliche Möglichkeit einer längern wirt­schaft­lichen Erholung ausschließen.

Welche wären?

Der Gewinn­rückgang, die Rekord­knappheit an Erspar­nissen, ein Zusam­men­bruch der Kapi­tal­aus­gaben, ein nie dage­we­senes Konsumenten-Kreditkaufgelage, ein gewal­tiges Handels­bi­lanz­de­fizit, wüste Bilanzen und rekordhohe Schuldenstände.

Klingt ja furchtbar. Sind sie alle gleich schlimm?

Die schlimmsten sind die Depression bei den Gewinnen und den Kapi­tal­aus­gaben. Sie treiben sie gegen­seitig weiter abwärts im Teufelskreis.

Warum hört man so was nicht von den Mainstream-Volkswirtschaftlern?

Nicht nur die Volks­wirt­schaftler, sondern die Poli­tik­macher der USA und die Öffent­lichkeit leugnen die Schwere der volks­wirt­schaft­lichen und finan­zi­ellen Situation.

Aber warum?

Das Haupt­problem ist das fehlende Verständnis und ein blindes Vertrauen in die Omni­potenz der Federal Reserve.

Nun, die Fed hat die Zinssätze aggressiv gesenkt. Das hat in der Vergan­genheit gewirkt, oder?

Dieser Rückgang unter­scheidet sich drama­tisch von allen anderen Rezes­sionen nach dem zweiten Weltkrieg. Er wurde nicht durch ängst­liches Geld, sondern durch uner­träg­liche Ausga­ben­ex­zesse ausgelöst, welche ein überdehntes Finanz­system zurücklassen.

Sie meinen, die niedrigen Zinssätze wirken nicht?

Zum ersten mal seit dem Zweiten Weltkrieg sind die US-Volkswirtschaft und sogar der Akti­en­markt zusam­men­ge­brochen, und das vor dem Hinter­grund der aggres­sivsten Zins­satz­sen­kungen durch die Federal Reserve und dem wuchernsten Geld­mengen– und Kredit­wachstum aller Zeiten. Die Kräfte, welche die US-Volkswirtschaft diesmal herab­drücken, unter­scheiden sich radikal von denen der letzten Rezessionen.

In welcher Hinsicht?

Die Implosion der Gewinne ist der offen­sicht­lichste und wich­tigste Aspekt.

Die Fed hat die Zinssätze gesenkt, um die Ausgaben zu erleichtern. Sie sagen, die niedrigen Zinssätze würden nicht wirken, aber das Volk nutzt doch den Vorteil der niedrigen Zinssätze, um weiter auszu­geben, oder etwa nicht?

Das stimmt. Amerika bekämpft die Rezession mit einfach noch mehr Konsumexzessen.

Können die Konsu­menten das Schiff über Wasser halten?

Das Verbrau­cher­ver­trauen fällt bereits. Noch wichtiger, die Volks­wirt­schaft­lichen Eckdaten für die letzten paar Monate lassen einen schluß­folgern, daß der Ameri­ka­nische Verbraucher sich bereits zurückzieht.

Davon hört man nichts.

Niemand will es wahrhaben. Ein Grund könnte sein, daß einfach nichts mehr in Sicht ist, um die US-Wirtschaft zu fördern.

Aber das Einkommen der Verbraucher wächst doch, oder nicht?

Nein, das Wachstum ist zum Still­stand gekommen, und ein Großteil des Wachstums kam durch die Steuersenkung.

Also könnten die Konsu­men­ten­aus­gaben auch stagnieren?

Vor allem wenn die Verbraucher fort­fahren, ihre Erspar­nisse neu aufzu­bauen, was seit kurzem erst mit drei bis vier Prozent des frei verfüg­baren Einkommens geschieht. Dies wird in Zukunft mögli­cher­weise zunehmen. Das ist die Art von Dingen, welche die Kredit­kauf­ex­zesse des Booms beenden werden.

Warum?

Jeder Zuwachs in den Erspar­nissen übt eine Gegen­kraft auf das Wirt­schafts­wachstum aus, drückt die Gewinne.

Nun, bis jetzt hat der Verbraucher nicht spürbar nachgelassen.

Er hat den Tag der Abrechnung verschoben, indem er sich mit mehr Schulden belädt. Viele dieser Schulden werden nicht zurück­ge­zahlt werden können.

Sie sagen, das Volk habe Vertrauen in seine Währungs­be­hörden. Das sei ein Grund für sie, weiter Geld auszugeben.

Dieser Glaube ist äußerst verblüffend. Er verdrängt die Tatsachen. Er basiert darauf, daß die Federal Reserve ohne Sinn und Verstand Geld und Kredit erzeugt, und daß der Verbraucher ohne Sinn und Verstand Geld leiht und ausgibt. Niemand scheint die außer­ge­wöhn­lichen Exzesse dieser beiden zu verstehen und wie sie für die jetzige volks­wirt­schaft­liche und finan­zielle Misere verant­wortlich sind.

Da stimme ich Ihnen zu. Die Leute sehen keine Vorboten dieser Entwicklung.

Es wird Zeit, daß sie es tun. Die Wirt­schafts­nach­richten werden schlimmer und schlimmer. Niemals zuvor hat die Welt solch eine massive Vernichtung von Akti­en­ver­mögen gesehen, und niemals zuvor haben die Unter­neh­mens­ge­winne und Kapi­tal­aus­gaben der Unter­nehmer solch scharfe Einbrüche erlebt.

Sie sehen die Unter­neh­mer­ge­winne als einen Schlüssel der ganzen Krise, oder?

Wir haben in den früheren Boom-Jahren fort­während vor der unüblich schwachen Gewinn­per­formanz der Volks­wirt­schaft gewarnt. Als sie 2001 scharf verlang­samte, entwi­ckelte sich daraus praktisch eine Gewinn­im­plosion. Die Gewinn­margen sind die nied­rigsten seit der Depression in den 30ern. Zudem ist nichts in Sicht, was diese zuneh­mende Gewin­ne­rosion umkehren könnte.

Was sind die Konsequenzen?

Gene­ral­di­rek­toren haben gegenüber dem Gewinn­de­saster kapi­tu­liert. Ihre Lösung ist eine radikale Kürzung ihrer Investitionsausgaben.

Warum sind Inves­ti­ti­ons­aus­gaben und Kapi­tal­bildung so wichtig?

Im Grunde dreht sich alles um Kapi­tal­in­ves­tition. Sie ist die kritische Masse im Prozeß des volks­wirt­schaft­lichen Wachstums, welcher all die Dinge erzeugt, die Wohlstand und Lebens­standard anheben. Kapi­tal­in­ves­tition bedeutet die Errichtung neuer Gebäude, Anlagen und Maschinen. Dies erzeugt Nachfrage, Beschäf­tigung, Einkommen, Gewinne und greif­bares Vermögen. Die Instal­lation dieser Kapi­tal­güter erzeugt wachsende Nachfrage, Produk­ti­vität, Beschäf­tigung, Einkommen und Gewinne, welche nebenbei auch die Kredite tilgen. Man merke sich, daß Kapi­tal­bildung stra­te­gisch wichtig ist, um allge­meinen Wohlstand zu erzeugen.

Verstehe. Was also verur­sacht den Gewinn­rückgang, welcher die Kapi­tal­in­ves­tition ruiniert?

Lassen Sie mich zunächst sagen, wenn Sie die Schlüs­sel­rolle der Gewinne bei der Gestaltung der volks­wirt­schaft­lichen Aktivität bedenken, ist es verwun­derlich, wie wenig Aufmerk­samkeit dieses außer­ge­wöhn­liche Blutbad bei den Gewinnen erhält. Vor allem da nichts in Sicht ist, was die Profi­ta­bi­lität der US-Unternehmen verbessern und die kommer­zielle Kapi­tal­in­ves­ti­tionen stimu­lieren könnte.

Nennen Sie uns den Grund für das Gewinnproblem.

Kosten­sen­kungen der Unter­nehmen zum Beispiel. Die weit­ver­brei­teten Maßnahmen, welche einzelne Firmen durch­führen können, um ihre eigenen Gewinne zu verbessern, haben insgesamt den gegen­tei­ligen Effekt auf die Gewinne anderer Firmen. Kommer­zielle Ausgaben sind die Haupt­quelle kommer­zi­eller Einnahmen, nicht die Verbrau­cher­aus­gaben. Eine Kürzung in kommer­zi­ellen Ausgaben kürzt kommer­zielle Einnahmen. Höhere Gewinne und höherer Reichtum können nicht einfach aus der allge­meinen Kosten­senkung entstehen.

Was sonst beein­trächtigt die Gewinne?

Steigende Wert­min­derung auf Anlagen und Ausstattung nagt an den Gewinnen.

Und?

Unter­nehmen nehmen gewaltige Summen an neuen Krediten auf, und die Zins­lasten sind ein rekord­hoher Aufwand. Beispiels­weise schluckte Zins­aufwand 1997 23% der Gewinne in der Fertigung, 2001 waren es fast 100%.

Aber die gelie­henen Gelder flossen in produktive Anlagen, welche Gewinne stei­gerten, oder?

Nur wenig floß in wirklich neue Inves­ti­tionen. Das größte Batzen ging drauf für Fusionen, Übernahmen und Akti­en­rück­käufe, trug rein gar nichts zur Produk­ti­ons­ka­pa­zität bei. Gewaltige Summen lösten sich in wertlosem Goodwill auf, was die absurd hohen Zahlungen für Übernahmen reflektiert.

Nichts von dieser Kredit­auf­nahme hat den Gewinnen genutzt?

Nein. Als die Gewinne runter­gingen, haben die Konzerne effektiv ihre Bilanzen und Kredit­ra­tings ruiniert. Der Verfall der Kredit­qua­lität ist unglaublich.

Zurück zur Diskussion über Gewinn­pro­bleme. Was zehrt noch an den Gewinnen?

Der wich­tigste von allen. Das US-Handelsbilanzdefizit hat die US-Unternehmensgewinne vernichtet. In vier Jahren steigerte sich dieses von 128 Milli­arden Dollar auf 450 Milli­arden jährlich.

Wie drückt das Handels­bi­lanz­de­fizit auf die Gewinne?

Indem es regel­mä­ßiges Einkommen und Ausgaben von inlän­di­schen Herstellern auf auslän­dische Hersteller umleitet. Das Handels­bi­lanz­de­fizit impli­ziert einen direkten Transfer der Gewinne der Verei­nigten Staaten ins Ausland. Ange­sichts der mons­trösen Größe des Defizits muß es die US-Gewinne praktisch massakrieren.

Was bewirkt dieser Gewinn­rückgang für den Aktienmarkt?

US-Aktien sind auch heute noch überbe­wertet. Der schlimmste Teil des Bären­marktes wird noch kommen und wird ind einer voll­stän­digen Zerstörung des finan­zi­ellen Reichtums enden, welcher aus der Blase gezogen wurde.

Noch vor ein paar Jahren hörten wir Geschichten von einem endlosen Boom und einer neuen Ära. Was ging schief?

Amerikas neues Marken­zeichen des Kapi­ta­lismus funk­tio­nierte nicht. Konzern­ma­nager konzen­trierten sich darauf, Share­holder Value zu schaffen, indem sie Aktien zurück­kauften, Kosten senkten, Fusionen und Akqui­si­tionen durch­führten. Diese Strategie half, Akti­en­preise in absurde Höhen zu schrauben, jedoch waren die Auswir­kungen für die Volks­wirt­schaft zerstörerisch.

Warum?

Mr. Cook, diese Stra­tegien bauen keine Fabriken. Sie steigern nicht die kommer­zi­ellen Einkommen. Im selben Umfang wie sie neue Inves­ti­tionen verhindern, was sie tun, so redu­zieren sie auch die Gewinne.

Können Sie das ausführ­licher erläutern?

Stei­gender Wohlstand und steigende Lebens­stan­dards kommen nicht durch exis­tie­rende Fabriken, sondern durch neue Fabriken. Es ist nicht Produk­ti­vität, welcher Reichtum erzeugt. Es sind allein die Inves­ti­ti­ons­aus­gaben, nicht die Verbrau­cher­aus­gaben, welche wirt­schaft­lichen Wachstum antreiben. Die berei­chernden Wirkungen des freien Unter­neh­mertums sind immer durch den Bau von Fabriken entstanden, nicht durch den Akti­en­markt oder rück­sichtslose Konsumenten-Kreditkäufe.

Sie meinen, diese Unter­nehmen haben ihr Kapital für finanz­tech­nische Zwecke und Speku­lation statt zum Bau produk­tiver Anlagen genutzt?

Absolut richtig. Beispiels­weise sind die meisten Gewinne im Hightech-Sektor durch hohe Gewinne am Akti­en­markt entstanden.

Sagen Sie damit, daß die neue Infor­ma­ti­ons­tech­no­logie keine Gewinne macht?

Ja, und es ist pure Ironie, daß die schlech­testen Gewinn­zahlen aus dem Hightech-Sektor kamen, für welchen die Wall Street nie dage­wesene Wunder der Produk­ti­vität und Gewinn­stei­gerung herum­po­saunte. Diese schwachen Gewinne haben sich in der Folge in einen Gewinn­zu­sam­men­bruch verwandelt.

Was ist Ihre Erklärung für das Versagen?

Die Wich­tigkeit der Infor­mation und Infor­ma­ti­ons­tech­no­logie für Produktion und Wohl­stands­bildung wurden lächerlich überschätzt.

Hat nicht Hightech die höchsten Produktivitätsgewinne?

Solcher Produk­ti­vi­täts­wachstum ist statis­tische heiße Luft.

So weit würde ich nicht gehen. Ich weiß, Sie halten hedo­nis­tische Preis­er­mittlung für statis­ti­schen Unfug.

Wenn sie diese statis­tische Frisierung sehen, sie läßt uns nach­denken, ob nicht etwa syste­ma­tische Täuschung hinter diesen Praktiken liegt.

Okay, fahren wir fort. Sie haben die Wirkung von Fusionen, Akqui­si­tionen und Akti­en­rück­käufen auf Konzern­bi­lanzen der neuen Ära nicht erwähnt.

Konzern­ma­nager haben ihre Bilanzen mit der Rück­sichts­lo­sigkeit von Despe­rados gehebelt, welche kurz­fristig viel zu gewinnen und lang­fristig wenig zu verlieren haben. Sie haben ihre Bilanzen ruiniert, um die zunehmend unbe­frie­di­gende Gewinn­leistung zu verbergen und auszugleichen.

Klingt übel.

Sie haben teurere Kredite gegen Aktien getauscht. Der Trick war, die Inves­toren zu täuschen, indem sie die Zahl der Aktien reduzierten.

Ich möchte erwähnen, daß Sie lange vor allen anderen wegen dieser dubiosen Geschäfts­prak­tiken die Alarm­si­renen ertönen ließen.

Der plötz­liche Ausbruch der Gewinn-Täuschungsmanöver fußte auf dem allge­meinen Wunsch, die kata­stro­phale Gewinn­si­tuation zu verstecken. Das ist als der kritische Punkt zu identifizieren.

Manche würden behaupten, daß es die Akti­en­preise anhob?

Bloß für eine gewisse Zeit. Besten­falls haben sie sich mit Krediten belastet, welche die Gewinne schmälern, schlech­tes­ten­falls haben sie ihre Ehre und ihre Zukunft zerstört.

Was sind die Konse­quenzen von so viel aufge­nom­menen Krediten?

Nach­las­sende Kredit­ver­füg­barkeit für Konzerne und die Möglichkeit einer Kredit-Krise. Schwer ange­schlagene, schwache Bilanzen und schwache Gewinn­leistung haben die Kredit­wür­digkeit der Konzerne schwer reduziert. Ich kann mir bei dieser heiklen Lage kein gutes Ender­gebnis vorstellen.

Lassen Sie uns einen Moment über Erspar­nisse sprechen. Was sind Ihre Bedenken bei der geringen Sparquote?

Erspar­nisse sind die unent­behr­liche Bedingung für Wirt­schafts­wachstum. Ohne Erspar­nisse aus dem regel­mä­ßigen Einkommen kann keine Zuname an produk­tiven Anlagen oder Akti­en­ka­pital entstehen.

Wie kommt es, daß Volks­wirt­schaftler hier kein Problem erkennen können?

Es gibt da eine allge­meine Weigerung, die Wirk­lichkeit zu betrachten. Die völlige Aufzehrung aller natio­nalen Erspar­nisse ist für die US-Volkwirtschaft die heikelste Lage von allen. Diese sind die Kapi­tal­quelle der Volkswirtschaft.

Was ist aus den Erspar­nissen geworden die wir schon hatten?

Sie wurden verschleudert, um Ausgaben zu bezahlen, die der Verbraucher nicht von seinem regel­mä­ßigen Einkommen bezahlen kann. Und Konzerne haben ihre Divi­den­den­zah­lungen aus ihren Netto­ge­winnen finanziert.

Was passiert mit Ländern mit geringen Ersparnissen?

Sie haben geringe Inves­ti­tionen, geringe Löhne und geringe Gewinne.

Aber die Regie­rungs­volks­wirt­schaftler und die Fed sagen, wir müßten das nicht mit Erspar­nissen machen, wir könnten es kredit­fi­nan­ziert machen. Was ist damit?

Ha!, Ich glaube kaum, daß man die Sünde zur Tugend erklären kann. (Bessere Übersetzung für „turn vice into virtue”?)

Warum nicht?

Kredit schafft Kaufkraft aus dem Nichts. Kredit allein kann nicht dauerhaft eine Volks­wirt­schaft stützen. Die sich heute aufblä­hende Schul­denlast wird irgendwann zurück­ge­zahlt werden müssen. Ich habe kaum Zweifel, daß eine Schul­den­krise bevor­steht. Wenn die meisten der Schulden für unpro­duktive Zwecke wie Konsum und Speku­lation verwendet werden, muß es letzten Endes in eine Schul­den­falle führen. Die hemmungslose Verschulden ist volks­wirt­schaft­licher Wahnsinn.

Ein Großteil davon ist Hypo­the­ken­re­fi­nan­zierung, nicht wahr?

Man ist geneigt zu sagen, die ameri­ka­nische Öffent­lichkeit mache ihr Zuhause zu Geld.

Das beun­ruhigt Sie?

Ich kann nur sagen, daß in Europa niemand, weder der Haus­be­sitzer noch der Bankier in Erwägung ziehen würde, jemandens Haus als Sicherheit zu nutzen, außer viel­leicht im Falle eines Notfalls.

Ich habe noch nie einen ameri­ka­ni­schen Volks­wirt­schaftler oder Sprecher der Wall Street sich dagegen aussprechen sehen. Tatsächlich ermutigen sie dazu.

Zwei­fellos. Hypo­the­ken­re­fi­nan­zierung und Eigen­heim­be­leihung standen im Epizentrum der Kredit­ex­plosion. Ich muß zugeben, daß ich diese Kompo­nente der ameri­ka­ni­schen Blase grob unter­schätzt habe. Ich kann nur sagen, daß es die letzten Zweifel ausge­räumt hat, daß dies die bei weitem größte und schlimmste Kredit­blase ist, welche die Welt je gesehen hat.

Aber nur Sie und eine handvoll Kritiker erwähnen das. Die Öffent­lichkeit mag es, und jeder im Hypo­the­ken­ge­schäft nickt zustimmend.

Sollen sie es genießen solange sie es noch können. Das US-Finanzsystem von heute hängt in einer gefähr­lichen Lage. Es ist wie ein Kartenhaus, aus nichts anderem aufgebaut als aus finan­zi­ellen Hebeln, Kredit­ex­zessen, Speku­lation und Derivaten.

Werden wir abstürzen und crashen?

Ich würde sagen, bereiten Sie sich auf weit schlim­meres vor.

Was ist die wahre Natur dieser Rezession, welche Sie vorhersagen?

Sie wird sich als unge­wöhnlich schwer und tief erweisen.

Warum?

Der Schlüssel zur Ergründung der Schwere der kommenden Krise liegt in der Schätzung der Verletz­lichkeit einer Volks­wirt­schaft und ihrem Finanz­system, welche seit Jahren der rück­sichts­lo­sesten Finanz­ex­pansion und Speku­lation in der Geschichte ausge­setzt war.

Das ist die Öster­rei­chische Theorie vom Wirt­schafts­kreislauf, richtig?

Ja, die Länge und Schwere von Rezes­sionen oder Depres­sionen hängt kritisch von der Größe der Beein­träch­tigung und Unaus­ge­gli­chenheit ab, die sich in der Volks­wirt­schaft während des vorher­ge­henden Booms aufge­staut hat.

Und darum sagen Sie konse­quent voraus, daß der US-Volkswirtschaft eine harte Landung bevorsteht?

Ja. Lassen Sie mich es zusam­men­fassen. Die US-Wirtschaft der 90er rangiert als die schlimmste Blasen­wirt­schaft der Geschichte. Der Boom wurde auf nichts anderem als Hebeln über Hebeln errichtet. Eine schwin­dende Versorgung von Binne­n­er­spar­nissen wurde durch gren­zenlose Kredit­schöpfung zur Hebelung von Immo­bi­li­en­an­lagen mehr als subventioniert.

Und die Fed ist schuld?

Es ist sehr wichtig zu erkennen, daß die Federal Reserve jegliche Kontrolle des Geldes und der Kredit­schöpfung aufge­geben hat. Die Macht der ameri­ka­ni­schen Kredit­ma­schi­nerie, Kredite aus dem Blauen heraus zu schöpfen ist einzig­artig und nie dagewesen.

Nun, manche würden sagen, es hätte die Wirt­schaft gerettet.

Diese exzessive monetäre Schlaffheit hat nur die unaus­weich­liche Krise verschoben und verschlimmert.

Lassen Sie uns über den Dollar sprechen. Sie haben gesagt, daß er schwächer werden wird, und zu einem gewissen Grad ist er das schon. Wird noch mehr Schwäche eintreten?

Wir schätzen es als unent­rinn­bares Ereignis ein. Wachsende Desil­lu­sio­nierung mit der US-Volkswirtschaft werden der Auslöser sein.

Aber mag die Welt nicht einen starken Dollar?

Es gefiel dem Rest der Welt, weil es ihre Exporte ankur­belte, und es gefiel den USA da es ihre Finanz­märkte ankur­belte. Aber tatsächlich waren die gewal­tigen Kapi­tal­flüsse in die Staaten die einzige und wich­tigste Säule der US-Finanzmärkte geworden. Nehmen sie diese Säule weg, und diese Märkte werden augen­blicklich kolla­bieren, was verwüs­tende Auswir­kungen auf die US-Wirtschaft haben wird, was sich schnell in einen wilden Kredit­crash verwandeln wird.

So schnell könnte das gehen?

Tatsache ist, daß die Aussetzung der US-Finanzmärkte gegenüber auslän­di­schen Inves­toren und Kredit­gebern über die letzten Jahre in solch einer grotesken Größen­ordnung zuge­nommen hat, daß eine kontrol­lierte, allmäh­liche Dolla­r­ent­wertung nicht länger machbar erscheint. Unter den heutigen extremen Bedin­gungen gibt es nur die Alter­na­tiven starker oder kolla­bie­render Dollar.

Gibt es eine Medizin dagegen?

Um das schlimmste zu vermeiden könnte die Fed gezwungen sein, die Zinssätze drastisch anzuheben.

Oh mein Gott!

Die Gefahren, die an der Währungs­front lauern, sind immens. Das schwerstens ausge­he­belte US-Finanzsystem ist feindlich gegenüber einem starken Dollar und großen Kapi­tal­zu­flüssen. Das US-Handelsdefizit und die ange­staute Verschuldung im Ausland haben ein Ausmaß erreicht, welche sich jeder möglichen Handlung durch Zentral­banken wider­setzen. Das Schicksal des Dollars ist bar jeder Kontrolle.

Vielen Dank.

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