Archive for the ‘Volkswirtschaft’ Category

"Der Staatshaushalt muß ausgeglichen sein. Die öffentlichen Schulden müssen verringert werden. Die Arroganz der Behörden muß gemäßgt und kontrolliert werden.
Die Zahlungen an ausländische Regierungen müssen reduziert werden, wenn der Staat nicht bankrott gehen soll. Die Leute sollen wieder lernen, zu arbeiten, statt auf öffentliche Rechnung zu leben."

Marcus Tullius Cicero, 55 v. Chr.

Gold – Auf dem gelben Ziegelsteinweg?

Dienstag, Oktober 20th, 2015

Artikel von Nicole Foss

Zuerst veröffentlicht in englisch am 11.09.2015 auf TheAutomaticEarth.com unter dem Titel „Gold – Follow the Yellow Brick Road?

Vor dem Hintergrund des sich rasch ausbreitenden Vertrauensverlusts und der konsequenten Umstellung auf Deflation mit fallenden Preisen auf ganzer Front als Folge ist es angebracht, unsere Position bei Gold zu überprüfen. Das gelbe Metall wird oft als Allheilmittel angesehen – der sichere Hafen als Schutz vor allen Arten von möglichen finanziellen Störungen. Es ist seit langem unsere Position bei The Automatic Earth, dass dies eine viel zu vereinfachte Sichtweise ist. Wir leben in einer komplexen Welt, für die es keine einfachen, eindimensionalen Lösungen gibt. Es ist wichtig, zwischen den Märkten für Papiergold und physischem Gold zu unterscheiden und um die Risiken des Goldbesitzes zu verstehen um damit umgehen zu können. Wie wir schon damals, 2009, schrieben:

Zum einen haben die Goldbugs recht, dass physisches Gold echtes Geld ist (im Gegensatz zu Papiergold, das nur ein weiteres Schneeball-System ist). Es hat seinen Wert für Tausende Jahre erhalten und wird dies auch weiterhin langfristig tun. Doch das bedeutet nicht, dass der Goldpreis nicht fallen könnte oder dass jetzt der Goldkauf der rechte Weg für alle sei, um ihr Kapital zu erhalten… Die Lebensumstände der Menschen sind unterschiedlich, und diese Umstände bestimmen ihre Handlungsfreiheit, sowohl jetzt als auch in der Zukunft.

Blasendynamik

Unserer Ansicht nach ist (Papier-) Gold in einer Blase, die im Jahre 2011 ihren Höhepunkt erreicht hat, zusammen mit dem Rest des Rohstoffkomplexes. Es wurde der gleichen Dynamik wie andere Rohstoffe ausgesetzt, die kollektiv den Kontakt zu ihren eigenen Fundamentaldaten verloren haben, je mehr sie überfinanzialisiert wurden. Finanzialisierung treibt die Dynamiken in eine virtuelle Welt und setzt sie gleichzeitig pervertierten Anreizen aus. Die Folge sind erhebliche Kursbewegungen, die im besten Fall eine dünne Verbindung zu tatsächlicher Nachfrage und Angebot haben.

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Äthiopien: Der inszenierte Hunger

Donnerstag, Juni 12th, 2003

In Äthiopien gibt es Wasser genug – doch die Entwicklungshelfer der UN reden der Welt eine Dürrekatastrophe ein

Von Lutz Mükke

Artikel mit freundlicher Genehmigung wiedergegeben aus Die Zeit 17/2003

Die drei Minuten vom Empfangstresen im Parterre bis zu seinem Büro im sechsten Stock des UN-Hochhauses in der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba genügen Wagdi Othman, um alles Wichtige zur aktuellen Ernährungslage des Landes zu sagen: Ausbleibender Regen führe bei den Bauern im Hochland zu Dürre und Missernten, bei den Nomaden im Flachland zu hohen Verlusten unter den Viehbeständen. „Wenn wir nichts tun, werden in diesem Jahr Millionen Äthiopier verhungern.“ Der 42-jährige Othman ist der Sprecher des UN-Welternährungsprogramms (WFP), des größten und wichtigsten Nahrungsmittelverteilers in Äthiopien. Und damit man die Dramatik auch ja richtig einschätzt, fügt er hinzu: „Wir stehen vor einer noch größeren Hungerkatastrophe als 1984.“

Die Bilder aus Äthiopien gingen damals um die Welt und sind vielen Menschen im Gedächtnis geblieben: weit aufgerissene Kinderaugen in riesig wirkenden Kinderschädeln; apathisch wirkende junge Mütter mit dürren Babys auf den Armen; Auffanglager voll hungernder Menschen, die in entlegenen Dörfern aufgebrochen sind, um einem Gerücht zu folgen, das irgendwo Essen verhieß.

In Stapeln aufgeschichtet, liegen 64 Seiten starke Hochglanzmappen griffbereit neben Othmans Schreibtisch. In düsteren Farben prognostizieren sie anhand von Schaubildern, Zahlenkolonnen und Tabellen eine „Hungerkatastrophe Äthiopien 2003“, die alle bisherigen Desaster übertreffe – auch die Hungersnot von 1984. Damals, schreibt das WFP, starben eine Million Menschen. Heute seien fast alle Regionen des Landes von gigantischen Ernteeinbußen betroffen. Allein in den Regionen Amhara, Oromiya und Somali seien über neun Millionen Menschen von der akuten Hungersnot bedroht. Auf die Ziffer genau listet das Pressematerial auf, dass Äthiopien in diesem Jahr 1 441 142 Tonnen Nahrungsmittel und 75 109 559 Dollar an Nothilfe benötigt, um das Überleben eines Fünftels der Gesamtbevölkerung zu sichern.

Kräftige Rinder und Kamele an gut gefüllten Wasserstellen

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Interview mit Dr. Kurt Richebacher

Donnerstag, Januar 2nd, 2003

24. Dezember 2002

Übersetzung von Kai Hackemesser

Quelle: http://www.investmentrarities.com/weeklycommentary.html

Vorwort

Dr. Kurt Richebacher hat eine unheimliche Fähigkeit demonstriert, zukünftige wirtschaftliche Probleme zu identifizieren. Der frühere Chefvolkswirt der Dresdner Bank warnte vor der Rezession und dem NASDAQ-Crash Monate, bevor es geschah. Er sagte den Zusammenbruch der asiatischen Tiegerstaten 1998 voraus und lies lange vor Enron die Alarmsirenen ertönen, was die Tricks um die Unternehmensgewinne anging. Als beinahe jeder sich einer V-förmigen Erholung sicher war, behauptete er, daß dies unmöglich sei.

Als Meister der klassischen Volkswirtschaft und vielleicht der beste analytische volkswirtschaftliche Denker der heutigen Welt schreibt Dr. Richebacher einen monatlichen Rundbrief, den „Richebacher-Brief“. Bei seinem beeindruckenden Rekord genauer Warnungen und Voraussagen angesichts der meist einstimmigen Opposition aus Establishment-Volkswirtschaften denken wir, daß das folgende Interview mit voller Konzentration und Kombinationsfähigkeit gelesen werden sollte.

Damals im März’97 warnten Sie, daß ernste Probleme die schwer verschuldete Wunderwirtschaft im Fernen Osten bedrohen. Warum hatten Sie dieses Problem ins Licht gerückt?

Ihr Boom war kreditinduziert. Sie gerieten schwer in Schulden, um exzessiv zu bauen.

Die gleiche alte Geschichte?

Ja, Abgezogene Gelder und Kreditwachstum und die typischen Symptome von sich überhitzenden Volkswirtschaften – Inflation, Spekulation und finanzielle Exzesse.

Dann, im Juni’98 sagten Sie, „Später dieses Jahr wird sich die US-Wirtschaft abrupt verlangsamen“. Was hatten Sie wahrgenommen?

Die Gewinne gaben nach und Unternehmen neigten zu selbstzerstörerischen Finanztricks und Buchhaltungsmanövern einschließlich schwerer Spekulationen und Leveraging. Ich schrieb, daß einige durch explodierende Papierwerte unglaublich reich wurden, aber Ersparnisse und Kapitalbildung erbärmlich seien.

Dann sagten Sie den Zusammenbruch des Aktienmarktes und der Technologieblase voraus. Wie konnten Sie das?

Die großen spekulativen Manien der Geschichte waren mit Neuerungen verbunden, die große öffentliche Begeisterung auslösten. Das war auch der Fall beim Internet, und damit einhergehend hatten wir die allgegenwärtige Überschwemmung mit Geld und Kredit. Ja, ich schrieb, ein Bärenmarkt sei unausweichlich.

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Marc Faber – Im Zwielicht

Dienstag, August 20th, 2002

Original: In the Twilight Zone vom 6. August 2002
Uebersetzt von Kai Hackemesser August 2002

Einbrüche in den westlichen Kapitalmärkten würden düstere Zeiten wirklicher wirtschaftlicher Not erahnen lassen, behauptet Dr. Marc Faber

Ich habe bereits früher begründet, daß das Fehlen jeglichen Grundlagenwissens über die Zukunftsaussichten und Gewinne der gelisteten Unternehmen nicht nur auf das Internet und den TMT-Bereich (Technologie, Medien und Telekommunikation) zutrifft, sondern auf die meisten Unternehmen.

Für mich war klar, daß das Internet eine Welt des „reibungslosen Kapitalismus“ hervorbringen würde, welcher wiederum die Unternehmensgewinne drücken würde, da die meisten Unternehmen einen guten Anteil ihrer Profite aus dieser Reibung gewannen. Reibung inflationiert die Preise, reduziert die Rivalität und schützt die Margen.

Die gewinnfreundliche Reibung kommt in vielerlei Gestalt. Unwissenheit des Kunden ist vermutlich der wichtigste Faktor, andere sind örtliche Monopole und der Mangel an Verhandlungsgeschick der kleineren Unternehmen. Es war eindeutig so, daß das Internet viel mehr Transparenz in die Märkte gebracht hat und diese Reibungen weitgehend beseitigt hat, während B2B-Knoten es kleineren Unternehmen viel leichter gemacht hat, sich zusammenzuschließen und Zugeständnisse ihrer Lieferanten zu erzwingen – wozu zuvor nur große Unternehmen in der Position waren.

Und obwohl Ich seinerzeit schrieb, daß ich glaube, eine Zeit der sehr enttäuschenden Unternehmensgewinne habe begonnen, habe ich eine Form der Reibung übersehen, welche mit der gesellschaftlichen Grundstimmung der Anlegergemeinde zusammenhängt – oder, um es zu vereinfachen, mit deren Unwissenheit und grenzenloser Leichtgläubigkeit.

In den späten 90ern waren Unternehmen in der Lage, gewaltige Gewinnsteigerungen zu verbuchen, weil es einfach kaum jemanden interessiert hat, wie diese Gewinne erzielt wurden. In anderen Worten wurde die Anlegergemeinde – gefangen in einem Wirbelwind der Spekulation und geblendet durch die bullischen Kommentare der Geschäftsführer, Analysten und Mr. Greenspan – darauf ausgerichtet, alle Arten von Buchhaltungstricks, Aktienrückkäufe auf Kredit, gefährliche spekulative Anlagepositionen und sogar blanken Betrug, um die Gewinne anzukurbeln, zu ignorieren.

Die Situation in den 90ern verkörpert, was der französische Soziologe Gustave Le Bon mehr als 100 Jahre zuvor in seinem Klassiker „Psychologie der Massen“ beobachtet hat, als er schrieb, daß die Masse „nicht vorbereitet ist, zuzugeben, daß irgendetwas zwischen ihren Willen und die Realisierung ihres Willens kommen kann“, während „die Idee der Unmöglichkeit für das Individuum in der Masse verschwindet“. Solange die Aktien stiegen, hat sie niemand wirklich gesorgt. (mehr …)

Wie man Gold mit Papier steuert

Samstag, Juni 8th, 2002

Quelle: Controlling Gold with Paper
Geschrieben am 08.06.02 von Jason Hommel für Gold Eagle
Übersetzt am 08.06.02 von Kai Hackemesser

Am Dienstag, dem 4. Juni fiel der Kassakurs für Gold in den Sekundärmarktstunden von 329$/Unze auf 325$/Unze, und im Verlauf des nächsten Tages fiel er weiter auf 321$/Unze. Weniger als 24 Stunden später berichtete www.theminingweb.com und die GATA, daß dies ein Ergebnis eines Großverkaufs von Terminkontrakten mit einem relativ illiquidem Datum in einem relativ illiquidem Markt (wegen der ungewöhnlichen Uhrzeit) war, was den Preis gedrückt hat.

Es ist raffiniert zu sehen, wie der Preis des Goldes diesmal wie auch früher mit Papier-Kontrakten heruntermanipuliert wurde. Da kommt die Frage auf: „Wie können die den Goldpreis niederknüppeln, wenn sie gar kein Gold verkaufen?“ Ich möchte mein bestes tun und versuchen, dieses Falschspiel zu vereinfachen und zu erklären, und die wesentlichen Tatsachen, die so bullisch für den Goldmarkt sind, behandeln, welche auch zur Zeit den aktuellen Bullenmarkt im Gold verursachen. Diese Abhandlung könnte Ihnen auch helfen, Ihre Freunde, Verwandte und Bekannte, die den Gold Eagle nicht lesen, vom Nutzen der Investition in Gold zu überzeugen.

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Ein Brief aus Argentinien

Freitag, Juni 7th, 2002

Quelle
Übersetzt am 7. Juni 2002 von Kai Hackemesser

Die Goldhorter in Japan können sicherlich das volkswirtschaftliche Leid Argentiniens immer ernsthafter nachempfinden. Wir lesen davon, daß japanische Haushalte dieser Tage sich Edelmetall Barren für Barren schnappen, offensichtlich befürchtend, daß die Probleme, welche das nationale Bankensystem beinahe ein Jahrzehnt heimsuchen, eher schlimmer als besser werden.

Verglichen mit Argentinien stellt Japan jedoch ein Bild einer gesunden Volkswirtschaft dar. Wie schlimm läuft es heutzutage in einem Land, welches bis vor kurzem eine der erfolgreichsten Mittelklassebevölkerung der Welt hatte?

Hier ein Bericht aus den Schützengräben – Ich möchte Sie warnen, er ist nichts für zartbesaitete Gemüter. Er stammt von einem Argentinier, der regelmäßig mit einem meiner Freunde in Philadelphia korrespondiert. Die in dem Brief beschriebenen Zustände liegen jenseits der Vorstellungskraft der meisten Amerikaner, jedoch nicht länger hinter jener der Japaner:

„Ich möchte Dir folgende Angelegenheit mitteilen, lieber E.M. Ich bin sogar noch weiter im Landesinneren als Buenos Aires, weitab der Katastrophen der Großstädte. In weniger als einem Jahr ist die Prozentzahl derer, die in Armut leben, hier von 14% auf 50% gestiegen – und steigt Tag für Tag weiter! Nun ist etwas seltsames hier geschehen. Ich weiß nicht, ob diese eigentümliche Situation im Ausland bekannt ist, aber die Banken – alle, einschließlich der Citibank, Boston, Banca Nazionale del Laboro, der Societe General und Deutschlands zweitgrößter Bank – haben die Ersparnisse des Volkes schlicht gestohlen. Dies ist eine beispiellose Situation in der Neuzeit und ich bin mir sicher, daß es früher oder später woanders Auswirkungen zeigen wird. Aber die Tatsache ist einfach: Am einen Tag hatte man Geld auf der Bank, und am anderen Tag, wenn man es abzuheben versuchte, war es nicht mehr da. Alle Banken sagen einfach „Wir haben es nicht.“

Kannst Du dir das vorstellen? Nicht nur daß die Ersparnisse von jedem einschließlich der älteren über Nacht verschwunden sind, ebenso sind unser Glaube und unsere Zuversicht in die politischen und Finanzinstitutionen in diesem Land geschwunden. Und selbst jene, die keine Ersparnisse zu verlieren hatten, wie in meinem Fall, sind schwer betroffen von der Krise, einfach weil das Volk in allen Lebenslagen kein Geld mehr hat. Sie können sich nicht mit ihren Anwälten und Buchhaltern über die Sachlage beraten, weil sie kein Geld haben, um solche Dienste zu bezahlen. Deswegen sind sogar die berühmtesten Professionellen wegen des gewaltigen Geschäftsausfalls pleite. Und selbst die Leute, welche noch arbeiten, können kein volles Gehalt beziehen, weil die Summe, die sie jeden Monat erhalten können, beschränkt wurde. Um es noch schlimmer zu machen, hat der Zuversichtsverlust seinen Tribut bei moralischen und ethnischen Werten gefordert, weswegen Entführungen, Drogenmißbrauch, Selbstmordraten unter Jugentlichen und Jugendkriminalität mit alarmierender Geschwindigkeit zunehmen.“

Wir in Amerika nehmen es als selbstverständlich hin, daß unsere Situation niemals in solchem Ausmaße herunterkommen könne. Aber nur vor wenigen kurzen Jahren hätten auch nur wenige in Argentinien sich solche Bedingungen ausmalen können. Selbst wenn die USA unversehrt aus der volkswirtschaftlichen Bescherung in Argentinien und Japan heraus käme, ist nun jedoch eine Sache klar:

Für die vorhersehbare Zukunft wird Gold – die marktfähigste aller Waren – Gefangener jener Ängsten sein, die nicht überzeugend beruhigt werden können.

Schwer verschuldet, schwer gefährdet

Donnerstag, Juni 6th, 2002

Quelle: Deep in Debt, Deep in Danger
von Hans F. Sennholz
vom 30.5.2002
übersetzt durch Kai Hackemesser

Politiker verhalten sich selten Ihren Versprechungen entsprechend. Sie können sich elegant über Haushaltsüberschüsse äußern während sie gewaltige Defizite einfahren. Der Präsident könnte einen Krieg vom Zaun brechen, um den Frieden zu erhalten und die Senatoren und Repräsentanten können über Sparsamkeit und „nationale Verteidigung“ Reden halten, aber geben reichlich Geld für Dinge aus, die ihre Popularität und Wiederwahlchancen verbessern. Sie können sogar die Gelegenheit nutzen, besondere Interessen in ihren eigenen Staaten und Bezirken zu befriedigen. Für viele ist nationale Verteidigung eine Gelegenheit.

Außerhalb der Welt der Politik sind die Haushaltsüberschüsse tatsächlich Haushaltsdefizite, welche die Sozialversicherungsfonds auffressen. Während diese Art defizitärer Finanzierung auf den heutigen Kapitalmärkten nicht schwer wiegt, überträgt es die Rückzahlungslast auf die Schultern der zukünftigen Steuerzahler, Anleihemärkte oder beide, wenn die Sozialversicherungsleistungen fällig werden. Jeder Manager eines privaten Treuhandfonds, der es wagen würde, die ihm anvertrauten Gelder auszugeben und durch seine Schuldscheine zu ersetzen, würde strafrechtlicher Verfolgung ausgesetzt sein. Wenn es das Schatzamt der Vereinigten Staaten macht, nennt man es „kreative Finanzierung“.

Die bundesstaatlichen Ausgaben werden seit Ende 1995 „kreativ“ finanziert, als das Schatzamt die durch den Kongreß erlassene Schuldenobergrenze von 4,9 Billionen Dollar erreichte. Die Strategie von Finanzminister Robert Rubin finanzierte die Regierung nichtsdestotrotz bis Ende März 1996, als der Kongreß die Obergrenze anhob. Heute, sechseinhalb Jahre später haben die Schulden wieder die vom Kongreß erlassene Obergrenze von 5,95 Billionen Dollar erreicht, und ganz wie sein Vorgänger Rubin greift Finanzminister Paul O´Neil strategisch in dieselbe Trickkiste. Es wirft ernsthafte Zweifel am Wert jeder vom Kongreß erlassenen Schuldenobergrenze auf. (mehr …)

Japan in der Depression

Mittwoch, Februar 6th, 2002

von John H. Makin
Übersetzt von Kai Hackemesser
Original: Japan in Depression

Während viel darüber diskutiert wird, wohin die US-Wirtschaft nächstes Jahr laufen wird, ist die Diskussion über Japans Volkswirtschaft vorbei. Im Laufe des Jahres 2001 geschah der Übergang Japans von einer verlängerten und ernsten Rezession in eine ausgewachsene Depression. Die schlechte Nachricht ist, daß eine Depression in der weltweit zweitgrößten Volkswirtschaft es der Weltwirtschaft noch schwerer macht, sich 2002 zu erholen. Die (nicht allzu) gute Nachricht ist, daß Depressionen wie die akute, die in Japan auftrat, üblicherweise nicht allzu lange dauern. Wie dem auch sei, erfordert die Beendigung von Japans Depression große Abschreibungen uneinbringlicher Kredite entweder durch Reflation oder direkte Zahlungsunfähigkeit.

Japan wählt den Weg der Zahlungsunfähigkeit

Japan scheint den passiven Weg der direkten Zahlungsunfähigkeit statt des aktiveren Wegs der Reflation entlangzubalancieren. Reflation, selbst wenn sie über die Preisstabilität hinaus zu ein wenig Inflation führt, ist die bessere Strategie als die Zahlungsunfähigkeit, weil der Wechsel von Deflation hin zu steigenden Preisen die Besitzer von Regierungsschulden gleichmäßig belastet, da steigende Preise steigende Zinssätze bewirken und den Wert der Schulden verringern. Die Zahlungsunfähigkeit, auf welche Japan zusteuert, wird schroffer, zerstörerischer und willkürlicher für den japanischen und den globalen Markt. Abgesehen von der Verwirrung an den Finanzmärkten bringen plötzliche Zahlungsunfähigkeiten ein bedeutendes Risiko mit sich, welches die Beschäftigung und das Wachstum in Japan und weltweit gefährdet. Japans Deflation und Schuldenkrise bilden nun ein systemisches Risiko für die Weltwirtschaft.

Japans Bemühungen zu reflationieren sind im Grunde gescheitert, weil solche Bemühungen auf den Wegen der normalen Kapitalflüsse vorgenommen wurden, welche für eine Volkswirtschaft mit funktionierendem Bankensystem geeignet sind. Japans Bankensystem ist jedoch insolvent. Die Bemühungen der Bank of Japan, die volkswirtschaftlichen Aktivitäten anzutreiben und mittels zunehmender Reserven im Bankensystem und der Senkung kurzfristiger Zinssätze auf praktisch Null zu reflationieren, sind damit vergleichbar, ein totes Pferd noch fester zu schlagen. Das tote Pferd ist das japanische Bankensystem, welches aufgrund seiner Insolvenz nicht als Kapitalvermittler handeln kann, also kurzfristig bei der Zentralbank zu leihen und der japanischen Privatwirtschaft zu verleihen. Stattdessen bevorzugen die japanischen Banken, Geld praktisch ohne Zinsen bei der Zentralbank über Nacht zu leihen und davon Regierungspapiere mit geringfügig längerer Fälligkeit zu kaufen, um zusätzliche 15 bis 20 Basispunkte Gewinn aus den Regierungspapieren zu ziehen.

Die erfolglosen Bemühungen der Bank of Japan, die Wirtschaft durch mehr Liquidität für das Bankensystem zu stimulieren, kommen im Grunde dem gleich, ständig steigende Staatsschulden und eine Fortsetzung verschwenderischer Regierungsprogramme zu unterschreiben, genau das, was Masaru Hayami, der Gouverneur der Bank of Japan, sagte, vermeiden zu wollen. In diesem Vorgang haben Japans Banken einen riesigen Vorrat an Staatsschulden erworben, welche sehr geringe Zinssätze tragen, was das Fehlen jeglicher anderer Investitionsmöglichkeiten in Japan und die völlige Risikoabneigung der Banken wiederspiegelt.

Das kleinere Übel

Der umfassende Erwerb von japanischen Staatssicherheiten durch japanische Banken hat natürlich ein Dilemma für die Regierung und die Bank of Japan geschaffen. Erfolgreiche Bemühungen, die Wirtschaft anzukurbeln oder zu reflationieren, würden in höheren Zinssätzen resultieren und einen Wertkollaps der von den Banken erworbenen Niedrigzins-Staatsanleihen bewirken. Dieses „Dilemma“ hat die Regierung dazu gezwungen, ihre Bemühungen einzustellen, um die Bank of Japan zu einer Reflation zu ermutigen.

Eine Volkswirtschaft in Depression, wie in Japan, läßt einer Regierung keine attraktiven Alternativen übrig. Stattdessen muß die Regierung das geringste Übel wählen, und das bedeutet, zu reflationieren, entweder präventiv oder reaktiv, um die anwachsende Schuldenlast zu reduzieren, welche sich aus großen, hinausgeschobenen Regierungsausleihungen und einer beschleunigten Deflation zusammensetzt. Die Alternative, nichts zu tun, sorgt nur dafür, daß die Dinge schlimmer werden, und die Schmerzen durch den Übergang von Deflation zu Reflation stärker werden.

Immer wieder haben die japanische Regierung und die Bank of Japan ihren bevorzugte Passivität in Bezug auf den Reflationierungsbedarf bewiesen. Das unausweichliche Ende wird der Zusammenbruch einer oder mehrerer großer Banken sein, was den Zusammenbruch des Bankensystems letztlich beschleunigt. Mit Zusammenbruch meine ich schlicht, daß Konteninhaber in der Überzeugung, daß die Verbindlichkeiten der japanischen Banken deren Aktiva bei weitem übersteigt, weiterhin ihr Kapital aus dem japanischen Bankensystem abziehen. Es wird geradezu einen „Run“ auf die Banken geben. Die Sorge über diese Ende ist im japanischen Aktienmarkt schon offensichtlich, wo Bankenaktien seit Anfang Dezember um 44% auf Jahresbasis nachgaben, verglichen zum allgemeinen Börsenniedergang um 24%. Inzwischen sind die Marktpreise einiger Geldmarktfonds, von welchen man annahm, sie seien sichere Anlagen, unter pari, aufgrund ihrer fragwürdigen Sicherheiten.

Das Problem mit dem Kollaps von Japans bereits totem Bankensystem wird vor allem für Konteninhaber akut. Die Bankenaktionäre sehen seit langen den Wert des positiven Eigenkapitals, oder den Nettowert von Japans Banken schwinden. Doch wenn das Bankensystem kollabiert, wird die Regierung sich mit dem Bedarf konfrontiert sehen, zusätzliche Verluste der Haushalts- und Geschäftskonteninhaber in den Banken zu vermeiden.

Insbesondere der negative Nettowert des japanischen Bankensystems liegt irgendwo oberhalb des Yen-Äquivalents zu einer Billion Euro. Wenn das Bankensystem kollabiert, muß die Bank of Japan, um zusammengenommene Verluste der japanischen Haushalte zu vermeiden, den Banken mindestens eine Billion Euro zuführen, um die Konteninhaber vor Verlusten zu schützen, die ein weiteres Hindernis für das japanische Finanzsystem und die Volkswirtschaft bilden würden.

Die Zahlungsunfähigkeit läßt die japanische Währung und die Staatsanleihen kollabieren

Die Mechanik einer Operation, in welcher die Bank of Japan eine Billion Euro Liquidität in das Bankensystem einführt, macht einen gewaltigen Anstieg der Staatsschulden erforderlich, welche unverzüglich durch die Bank of Japan monetarisiert werden. Um die Mittel zu erlangen, Japans Konteninhaber zu schützen, wird die Regierung Sicherheiten im Wert von einer Billion Euro herausbringen, welche die Bank of Japan aufkauft und in das Bankensystem steckt. Solche Schritte werden vermutlich in der Verstaatlichung von Japans Bankensystem resultieren, da die Regierung dessen Zahlungsfähigkeit unterschrieben hat. In dem Prozeß werden Japans öffentliche Schulden augenblicklich um 15% ansteigen. Der resultierende Liquiditätsstoß wird in Verbindung mit dem gewaltigen Anstieg der Staatsverschuldung und der Erwartung weiterer Anstiege Japans Währung und Anleihen kollabieren lassen. Hinabgezogen durch die Bankaktien wird der Aktienmarkt noch weiter fallen. Der Kollaps der Währung und der zunehmende Liquiditätsbedarf wird eine deutliche Reflation und Inflation anstoßen, welche die Bank of Japan schon einige Jahre zuvor hätte anstoßen sollen, um diese Katastrophe zu vermeiden.

Obwohl solch ein katastrophales Ende als eine ferne Möglichkeit angesehen werden könnte, ist es eine, welche vor allem Marktteilnehmern geschehen ist. Es gibt einen Markt für den Schutz vor Zahlungsunfähigkeit japanischer Staatsanleihen, und seit Anfang November ist der Preis für solchen Schutz von um die 0,15% des Wertes eines solchen Anleihebesitzes auf 0,25% gestiegen.

Japans Währung hat in Erwartung der kommenden Zahlungsunfähigkeit angefangen zu schwächeln. Der Yen ist seit September gegenüber dem Dollar und dem Euro im Wert durchschnittlich um 10% gefallen. In Kürze dient der fallende Yen, die ansteckende Belastung der Deflation zu re-exportieren, welche Japan und ein Großteil von Asien aus China importiert. Mittelfristig (im Jahresrahmen) signalisiert die Yen-Schwäche einen zukünftigen Run heraus aus Japans letzten für Investoren sicheren Häfen – Staatsanleihen und Cash.

Japan steht einer weiteren sich nähernden Bedrohung der Lebensfähigkeit seines Bankensystems gegenüber. Die Depot-Versicherung großer Depots bei japanischen Banken soll zum 31. März 2002 enden. Mit dem Nähern dieses Stichtages werden große Depots mit zunehmender Geschwindigkeit von den Banken abgezogen. Die Einleger werden Regierungssicherheiten direkt kaufen wollen, um das wachsende Zahlungsunfähigkeits-Risiko direkter Einlagen bei Banken zu vermeiden. Natürlich werden angesichts des stark gewachsenen Kreditaufnahmebedarfs, mit welchem die Regierung konfrontiert ist, um die Zahlungsfähigkeit des Bankensystems zu unterzeichnen, diese Sicherheiten zunehmend riskanter. Kurz gesagt läßt die japanische Finanzkrise letztlich dem Bankkonteninhaber keine Möglichkeit, sich vor schweren Verlusten zu verstecken.

Die japanische Regierung, welche einen Run auf die Banken voraussieht, könnte die Terminierung der Depotversicherung auf große Depots zum 31. März 2002 aufschieben. Dieser Schritt würde den vollständigen Kollaps des Bankensystems nur verzögern, da ohne eine massive direkte Zufuhr von Liquidität in die Volkswirtschaft – nicht in das todgeweihte Bankensystem – durch den direkten Kauf ausländischer Anleihen, Firmenanleihen und Land durch die Bank of Japan die Deflation weiterhin den negativen Nettowert des Bankensystems und seiner Konteninhaber wachsen liese. Wenn die Regierung alternativ den Endtermin vom 31. März stehen läßt, könnte sie die Erkenntnis für den Bedarf einer beschleunigten Krise signalisieren, um eine Reflation mit Gewalt einzuleiten.

Die Vorausahnung der Japanischen Finanzkrise

Die offizielle Anerkennung des Vorgangs ist zur Zeit weit hinter der Realität zurück. Anfang 2001 haben drei Bewertungsagenturen – Moody’s, Fitch’s und Standard & Poor’s – Yen-benannte Kredite auf eine Stufe drei Punkte unter dem Top-Rating abgestuft, wo auch Länder wie Italien und die Slowakei liegen. Während sich Japans deflationäre Schuldenkrise verstärkt, ist eine weitere Diskussion über zusätzliche Abstufungen der japanischen Kredite aufgekommen. Aber erwarten Sie nicht, daß die Kreditagenturen die Kredite herabstufen, bevor der japanische Anhleihemarkt kollabiert. Sie werden es nicht tun, weil die japanische Regierung hartnäckig behauptet, daß solch eine präventive Abstufung den Markt zusammenbrechen lassen würde. Bewertungsagenturen in Rußland, Südamerika und Asien haben wiederholt ihre Unfähigkeit bewiesen, kommende Krisen des Kreditmarktes zu signalisieren, weil sie durchgehend die Ermahnungen der Regierungen beherzigen, daß es „verantwortungslos“ sei, die Investoren zu warnen, aus Anlagen zu flüchten, deren Wert kollabieren wird. Eine vergleichbare Sache wird bewußt, wenn Sie Art und Weise überdenken, wie die Bewertungsfirmen mit Konzernen wie Enron umgegangen sind.

Japans Dynamik der Kredite

Japans Regierung ist in einem unentrinnbaren Schulden-Teufelskreis aufgrund der Tatsache, daß das nominale BSP mit einer Jahresrate von etwa 5% fällt. Eine Stabilisierung der japanischen Staatschulden-Quote zum BSP würde erforderlich machen, daß das BSP mit einer Rate wachsen würde, welche dem Zinssatz seiner ausstehenden Schulden, also etwa 1% entspricht. Die Tatsache, daß das nominale BSP mit 5% fällt, bedeutet, daß die japanische Schulden-BSP-Quote mit mindestens 6% pro Jahr ansteigt, selbst ohne einen plötzlichen Bedarf, insolvente Banken zu rekapitalisieren. Diese Schulden-Quote liegt nun bei 130%, und bei 6% pro Jahr wird sie sich in einem Jahrzehnt verdoppelt haben. Diese Tatsache allein wird den Kollaps der japanischen Staatsanleihen beschleunigen, bis die Deflation umgekehrt wird.

Tatsächlich aber ist die Schuldenlast der japanischen Regierung schlimmer als die 130%-Quote der Staatsschulden zum BSP, welche weithin in der Presse berichtet wird. Erstens wird eine zunehmende Deflation die Quote noch schneller ansteigen lassen, da die Staatseinnahmen schwinden. Zweitens werden die Verpflichtungen mit Bedingung der Regierung, einschließlich ihrer Verantwortung, Bankkonteninhaber zu schützen, plötzlich kräftig anspringen, sobald die zunehmend warscheinlichere Krise im Bankensystem auftritt.

Jemand hat erwähnt, daß die japanische Regierung Anlagen besitzt, die sie verkaufen könne, um ihre Fähigkeit, mit den schweren Verlusten im Bankensystem fertig zu werden, zu verbessern. Das Problem mit solchen Verkäufen, etwa von regierungseigenen Aktien der Japan Tobacco oder NTT (Japanische Telefongesellschaft) ist, daß es den Wert dieser Aktien auf dem Aktienmarkt weiter drückt. Dies ist nur ein weiteres Beispiel der Gefahren einer deflationären Umwelt, in welcher Aktien, die als Reserve angesehen wurden, nicht länger als Liquiditäsreserve funktionieren, da der Versuch, die Liquidität zu realisieren, ihren Wert nur noch weiter senkt.

Japans Politiker haben das Stadium erreicht, wo Verlustminimierung anstatt einer Selektion unter wünschenswerten Alternativen die einzige offene Möglichkeit ist. Eine Unfähigkeit, die geringst unerwünschte Möglichkeit zu wählen – präventive Reflation – hat die Bank of Japan und die Regierung in einer Regungslosigkeit einfrieren lassen. Das Ergebnis wird ein Kollaps des Bankensystems sein, welcher eine Woge Anleihen und ohnehin das Nebenprodukt Reflation erforderlich macht. Es ist nur eine Frage der Zeit.

Japans Depression; Amerikas Rezession

Der einzig positive Aspekt an Japans verzweifelter Lage ist, daß es hilft, einzuschätzen, wie weit von einer echten Depression die amerikanische Volkswirtschaft ist. Es hat Japan ein Jahrzehnt und eine Reihe von offensichtlich unglaublichen politischen Fehlern gekostet, welche schon oft aufgezählt wurden, um diesen traurigen Zustand zu erreichen, dem es jetzt gegenübersteht.

Amerikanische Politiker, die einer ungewöhnlichen und vielleicht lang andauernden Rezession gegenüberstehen, haben aggressiv reagiert, die Zinssätze gesenkt, die Liquidität erhöht und die Steuern gesenkt. Obwohl im Jahr 2002 wohl weitere fiskale Anregungen, vor allem in Form von geringeren Steuerlasten, die sowohl Nachfrage als auch Angebot stimulieren würden, nötig sein werden, bleiben solche attraktiven Möglichkeiten den amerikanischen Politikern offen. Das traurige Beispiel der japanischen Volkswirtschaft erhöht möglicherweise die Warscheinlichkeit, daß solche Möglichkeiten genutzt werden.

ATTAC Newsletter: Argentinien: Krise ohne Ende?

Freitag, Februar 1st, 2002

Von Pedro Morazán

Gramci: „la crisis consiste en el hecho de que lo viejo muere y lo nuevo no puede nacer“

Die ehemalige „Kornkammer der Welt“ und heute noch einer der wichtigsten Exporteure von Agrarprodukten und Rindfleisch sieht sich gezwungen, den Notstand für Nahrungsmittel aufzurufen. Das Land ist bankrott und hat bereits das größte Schuldenmoratorium in der Geschichte der Weltwirtschaft erklärt. Brotaufstände von verarmten und vom Arbeitsprozess marginalisierten Bevölkerungsteilen sowie andauernde Demonstrationen der verarmten Mittelschichten („Cacerolazos„) und eine herrschende Oligarchie, deren Regierungen mit ihrem neoliberalen Latein am Ende ist, kennzeichnen das Bild Argentiniens Anfang des Jahres 2002. Weder für populistische Versprechungen noch für einen weiteren Ausverkauf des nationalen Vermögens stehen den Herrschenden in Argentinien politische Mittel zur Verfügung.

Der IWF und die OECD – Regierungen haben ihrem einstigen Musterschüler den Rücken gekehrt und agieren, als ob sie mit dieser Krise nichts zu tun hätten. Sie verlangen von der argentinischen Regierung ein „kohärentes Wirtschaftsprogramm“, was in der Sprache des IWF nicht anderes heißt als: Die argentinische Bevölkerung soll wieder die Zeche zahlen, während die internationalen und argentinischen Kapitalspekulanten und ihre Banken ungeschoren davon kommen. Der Umgang mit der internationalen Gemeinschaft mit der Krise lässt vermuten, daß Argentinien z.Z. ein Versuchskaninchen des IWF und der G-7-Länder ist: Um die Leidensgrenzen der „emerging Markets“ zu testen, werden sie die ganze Last der Krise auf den Rücken der übrig gebliebenen Lohnabhängigen und der verarmten Mittelschichten austragen lassen, ohne die wohl so unwirksam wie ungeliebt gewordenen Stützungskredite des IWF wie seinerzeit in Mexico ’95, Asien ’98 und Russland ’99 einzusetzen. Einmal mehr sehen die Herren der Welt keinen Anlass, die internationale Finanzarchitektur zu verändern, internationale Kapitalkontrollen einzuführen und die untragbaren Schulden von Entwicklungsländern in einem geordneten fairen und transparenten Verfahren zu erlassen.

Der einst so geliebte Musterschüler steht alleine in der Ecke und versteht die neoliberale Welt und ihre Mentoren nicht mehr. Während die Banken dafür gesorgt haben, daß die Großanleger ihr Geld rechtszeitig in sichere Häfen bringen konnten, werden die Ersparnisse der einfachen Bevölkerung durch Kontosperrungen und Abwertung enteignet. Mit Sammelklagen in den Gerichten der jeweiligen Gläubigerländer von New York über London und Frankfurt bis Madrid, versuchen private Kapitalanleger die argentinische Regierung auf Schadensersatz zu verklagen und das argentinische Vermögen im Ausland zu enteignen1. Argentinisches Vermögen kann in solchen Fällen konfisziert werden, falls – wie zu erwarten ist – solche Klagen zum Erfolg führen.

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Ist die nachgebende US-Wirtschaft in Gefahr, Japans lange und langsame Ohnmacht nachzuahmen?

Dienstag, November 20th, 2001

Von JACOB M. SCHLESINGER und PETER LANDERS
Übersetzt von Kai Hackemesser

Original aus dem Wall Street Journal kann hier gefunden werden.

Die Entscheidung der Federal Reserve, ihren Zinssatz auf 2% zu senken, ihre zehnte Zinssenkung dieses Jahr, brachte die US-Zentralbank näher an den Tag heran, wo ihr die Zinssenkungs-Munition ausgehen wird. Und das wirft eine erschütternde Frage auf: Könnte die USA den gleichen trostlosen volkswirtschaftlichen Pfad einschlagen, den Japan ein Jahrzehnt zuvor geschritten ist?

Mit jeder vergangenen Woche häufen sich die Gemeinsamkeiten. In den Achtzigern wurde Japan als kapitalistische Modell-Volkswirtschaft betrachtet; in den Neunzigern hielten die USA diese Auszeichnung. In beiden Fällen endeten die guten Zeiten mit dem Zerplatzen einer Aktienmarkt-Blase, wenigstens teilweise durch eine nervöse Zentralbank angestochen. In beiden Fällen erwiesen sich die Vorraussagen einer schnellen Kehrtwende als falsch.

Die übertriebene amerikanische Investition in Glasfaser-Hochgeschwindigkeits-Telefonleitungen findet ihren Widerhall in Japans Investitionsorgie in Speicherbaustein-Fabriken ein Jahrzehnt zuvor. Die mißliche Lage einer wohlangesehenen amerikanischen Firma, Enron Corp. – die zwei Drittel ihres Marktwertes in nur drei Wochen verloren hat – erinnert an die zuvor unsichtbare Schwäche, die Japans Zusammenbruch für viele Banken dieses Landes vor Augen geführt hat. Selbst das jüngste Gezänk im US-Kongreß, welches beabsichtigt, ein Paket an wirtschaftsstimulierenden Maßnahmen scheitern zu lassen, hört sich unheimlich gleich dem bürokratischen und politischen Gerangel an, welches deutliche Reformen in Japan durchkreuzt hat. Und jetzt sieht die US-Währungspolitik, die als mächtigstes Werkzeug zur Bekämpfung der Abschwünge der Nation betrachtet wird, zunehmend wie die Japans aus, wo die Zinssätze auf Null gefallen sind. Japan hat ein Jahrzehnt der Stagnation ausgedauert. Könnte das hier passieren? Die meisten Analysten antworten weiterhin mit einem deutlichen Nein. Sie heben hervor, daß Japan nicht nur eine Aktienmarktblase hat platzen lassen, sondern auch eine Immobilienblase, welche wiederum das japanische Bankensystem flachgelegt hat. Die US-Blase scheint sich auf Aktien zu beschränken, und das amerikanische Bankensystem bleibt stark. Auch die US-Politiker bestehen darauf, klüger zu sein als ihre Japanischen Gegenspieler, teilweise, weil sie aus deren Fehlern lernten. Und, fügen sie hinzu, das amerikanische volkswirtschaftliche und politische System sei flexibler als das Japans und könne schneller notwendige Reparaturen durchführen. (mehr …)