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Wenn COVID-19 mit HIV/AIDS kollidiert, könnte die Pandemie eine unheilvolle Wendung nehmen

Menschen mit einer unbe­han­delten HIV-Infektion könnten sich als Brut­stätten neuer Covid-19-Muta­tionen heraus­stellen. Solange man Covid-19 nicht in den ärmeren Ländern unter Kontrolle bekommt, wird man auch die Epidemie auch in den reicheren Ländern nicht besiegen können.

Übersetzt aus dem Artikel von Melissa Healy in der L.A. Times vom 3.6.2021

Während die weniger wohl­ha­benden Länder der Welt um einen Impfstoff gegen COVID-19 ringen und mit tödlichen Ausbrü­chen der Krankheit zu kämpfen haben, haben Forscher in Südafrika gerade eine unheil­volle Entwick­lung doku­men­tiert: die Kollision der Pandemie mit HIV/AIDS.

Genetiker und Spezia­listen für Infek­ti­ons­krank­heiten haben dort bei einer 36-jährigen Frau mit unkon­trol­lierter HIV-Infektion, die das SARS-CoV-2-Virus fast acht Monate lang nicht abschüt­teln konnte, poten­tiell gefähr­liche Muta­tionen des Coro­na­virus aufge­deckt. Die treibende Kraft hinter der rasanten Anhäufung von gene­ti­schen Verän­de­rungen bei der Patientin ist wahr­schein­lich ihre gestörte Immun­ant­wort aufgrund ihrer nicht erfolg­reich behan­delten HIV-Erkran­kung, meinen die Forscher.

Der Fall unter­streicht eine schwie­rige Wahrheit: daß wohl­ha­bende Nationen, die sich beeilen, ihre eigene Bevöl­ke­rung zu impfen, so lange verwundbar bleiben, wie sich das Coro­na­virus in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen ausbreitet und mutiert, wo der Mangel an Impfstoff die COVID-19-Immu­ni­sie­rungs­raten niedrig gehalten hat. Das gilt besonders für Länder wie Südafrika, wo HIV-Infek­tionen weit verbreitet sind, aber oft unent­deckt bleiben.

Dies betont den Vorsprung, den dieses Virus hat, bis wir es eindämmen können, und wir müssen es weltweit eindämmen”, sagte Dr. Bruce Walker, Grün­dungs­di­rektor des Ragon-Instituts, eines Forschungs­zen­trums für Immu­no­logie in Boston.

Obwohl bei der südafri­ka­ni­schen Patientin bereits 2006 HIV diagnos­ti­ziert wurde, konnten die Ärzte ihre Viruslast nicht mit einer anti­re­tro­vi­ralen Stan­dard­the­rapie kontrol­lieren, und die Popu­la­tion der CD4+ T‑Zellen ihres Immun­sys­tems — die bei der Besei­ti­gung von Coro­na­virus-Infek­tionen eine Rolle spielen können — war sehr niedrig.

216 Tage lang wurde die Frau weiterhin positiv auf das SARS-CoV-2-Virus getestet. Kurz nach der Infektion mit dem Coro­na­virus wurde sie im September für neun Tage mit einer mittel­schweren Erkran­kung ins Kran­ken­haus einge­lie­fert, erkrankte aber nie schwer an COVID-19.

Das Coro­na­virus, das in ihrem Körper verweilte, erfuhr jedoch 13 gene­ti­sche Verän­de­rungen in Bezug auf sein entschei­dendes Spike-Protein, zusammen mit mindes­tens 19 weiteren gene­ti­schen Verän­de­rungen an anderen Stellen, die das Verhalten des Virus verändern könnten.

Die neuen Erkennt­nisse lassen befürchten, daß HIV/AIDS — eine 40 Jahre alte Geißel, die weltweit 32 Millionen Menschen getötet hat — die Bemü­hungen zur Ausrot­tung der COVID-19-Pandemie, die in weniger als andert­halb Jahren mehr als 3,5 Millionen Menschen getötet hat, erschweren könnte.

Bis zu der südafri­ka­ni­schen Patientin gab es kaum Hinweise darauf, daß HIV-infi­zierte Menschen den Verlauf der Pandemie verkom­pli­zieren könnten. Es war nicht bekannt, ob HIV-positive Menschen ein höheres Risiko haben, sich mit dem Coro­na­virus zu infi­zieren. Und Unter­su­chungen hatten nahe­ge­legt, daß sie nicht unter schlim­meren medi­zi­ni­schen Folgen von COVID-19 litten.

Doch wenn sich ihr Fall als typisch erweist, könnte sich dieses Bild ändern: HIV-Patienten, deren Infek­tionen nicht mit Medi­ka­menten kontrol­liert werden, könnten „zu einer Vari­an­ten­schmiede für die ganze Welt werden”, sagte Tulio de Oliveira, ein Genetiker an der Univer­sität von KwaZulu-Natal in Durban, der die neue Forschung leitete.

Weltweit sind vermut­lich etwa 8 Millionen Menschen mit HIV infiziert, wissen aber nichts von ihrem Status. Weitere 1,7 Millionen nehmen anti­re­tro­vi­rale Medi­ka­mente ein, die nicht so gut wirken.

Die Aussicht, daß die unkon­trol­lierte HIV-Infektion von fast 10 Millionen Patienten neue Varianten des Coro­na­virus hervor­bringen könnte, hat weit­rei­chende Folgen.

Dies ist eine Syndemie”, sagte Dr. Jonathan Li und benutzte damit einen Begriff, der das Zusam­men­treffen zweier Epidemien beschreibt, mit dem Potential, die Ergeb­nisse für beide zu verschlechtern.

Li, Spezia­list für Infek­ti­ons­krank­heiten am Brigham & Women’s Hospital in Boston, war einer der ersten, der die Vermeh­rung signi­fi­kanter Coro­na­virus-Muta­tionen bei einem einzelnen immun­ge­schwächten Patienten doku­men­tierte, der seine Coro­na­virus-Infektion mehr als fünf Monate lang nicht ausku­rieren konnte und im vergan­genen Sommer COVID-19 zum Opfer fiel. Sein Fall machte die Ärzte darauf aufmerksam, daß solche Patienten mächtige Inku­ba­toren für virale Varianten sein könnten.

Mit HIV infi­zierte Menschen sind Lis größte Pati­en­ten­gruppe. Seitdem poten­tiell gefähr­liche Coro­na­virus-Varianten aufge­taucht sind, hofft er, daß sich Menschen mit HIV nicht als Quelle von Muta­tionen erweisen, die das Virus über­trag­barer oder schwie­riger zu verhin­dern oder zu behandeln machen könnten.

Dies ist einer der ersten Berichte, daß einige meiner Befürch­tungen wahr werden könnten”, sagte Li, die nicht an der neuen Forschung beteiligt war.

Die südafri­ka­ni­sche Patientin infi­zierte sich im September zu Beginn der zweiten Infek­ti­ons­welle des Landes mit dem Coro­na­virus, obwohl sie mit einem Stamm infiziert war, der während der ersten Infek­ti­ons­welle des Landes dominant gewesen war.

In den Virusproben der Patientin wurden im Laufe der nächsten 27 Wochen mehr als 30 gene­ti­sche Verän­de­rungen fest­ge­stellt, darunter eine Handvoll, von denen bekannt ist, daß sie die Fähigkeit des Virus stärken, den Impf­stoffen und Medi­ka­menten zu wider­stehen, die COVID-19 verhin­dern oder behandeln.

Hätten sie begonnen, weit zu zirku­lieren, wären sie der Stoff, aus dem die Alpträume der Volks­ge­sund­heit gemacht sind: „Ausbruchs­va­ri­anten”, die in der Lage sind, die Pandemie zu verlängern.

Es ist noch nicht klar, ob sich irgend­eine der Muta­tionen, die sie beher­bergte, auf andere Menschen über­tragen hat. Aber die Forscher sagten, daß es wahr­schein­lich kein Zufall ist, daß gefähr­liche neue Varianten aus Popu­la­tionen wie denen in der südafri­ka­ni­schen Provinz KwaZulu Natal aufge­taucht sind, wo mehr als einer von vier Erwach­senen HIV hat.

Der Patient war Thema eines Treffens der afri­ka­ni­schen Gesund­heits­mi­nister im letzten Monat, und es wird erwartet, daß die Details bald mit den Verant­wort­li­chen der Welt­ge­sund­heits­or­ga­ni­sa­tion geteilt werden. Ein Fall­be­richt wurde am Donnerstag auf einer Website veröf­fent­licht, auf der Forscher vor der offi­zi­ellen Veröf­fent­li­chung Feedback zu ihrer Arbeit einholen können.

Es ist zu früh, zu wissen, ob die Frau ein Ausnah­me­fall ist. Aber der Bericht über ihren Fall wurde von anderen Wissen­schaft­lern bereits erwartet, die darauf gespannt sind, ihn zu überprüfen.

Unter den Über­ra­schungen: Die Muta­tionen, die bei der südafri­ka­ni­schen Patientin auftraten, scheinen keine direkte Reaktion auf starke Medi­ka­mente zur Behand­lung von COVID-19 zu sein. Die primäre Behand­lung, die sie im Kran­ken­haus erhielt, war zusätz­li­cher Sauerstoff.

Wäre sie nicht in eine Studie mit COVID-19-Patienten mit HIV oder Tuber­ku­lose aufge­nommen worden, wäre ihr wahr­schein­lich nicht bewußt gewesen, daß sie mögli­cher­weise neu entstan­dene Virus­va­ri­anten an andere weiter­gibt. Höchst­wahr­schein­lich wäre ihr Fall nicht weiter unter­sucht worden.

Statt dessen wurde sie zu einer der 300 Teil­nehmer, deren Infek­tionen mit COVID-19 unter­sucht wurden, um besser zu verstehen, wie HIV das Fort­schreiten und die Immun­ant­wort auf eine Coro­na­virus-Infektion beein­flußt. Ihr Blut wurde an dem Tag, an dem sie in die Studie aufge­nommen wurde, und danach sieben Mal auf SARS-CoV‑2 getestet.

Etwa sechs Monate nach Beginn der Studie wurden zwei der Medi­ka­mente in ihrem anti­re­tro­vi­ralen HIV-Cocktail ausge­tauscht. Innerhalb von zwei Wochen hatte sie ihren HIV-Status unter Kontrolle und ihre SARS-CoV-2-Infektion überwunden.

Vier weitere Teil­nehmer der Studie hatten Coro­na­virus-Infek­tionen, die länger als einen Monat andau­erten. Die Forscher planen, auch in ihren Proben nach Varianten zu suchen.

Die neuen Erkennt­nisse verschärfen den Einsatz für die Diagnose und Behand­lung aller Menschen mit uner­kanntem oder unzu­rei­chend behan­deltem HIV, sagte Studi­en­leiter De Oliveira.

Die Auswei­tung von Tests und Behand­lung für Menschen mit uner­kanntem HIV „würde die Sterb­lich­keit durch HIV verrin­gern, die Über­tra­gung von HIV redu­zieren und auch die Chance verrin­gern, neue COVID-Varianten zu gene­rieren, die andere Wellen von Infek­tionen verur­sa­chen könnten”, sagte er.

Wie die Beta-Variante aus Südafrika und die Gamma-Variante aus Brasilien gezeigt haben, scheinen Länder, in denen die Durch­imp­fung niedrig ist und die Infek­tionen stark ange­stiegen sind, einen frucht­baren Boden für neue Stämme zu bieten. In ihren Heimat­län­dern und weit darüber hinaus könnten diese Varianten neue Wellen von Reinfek­tionen auslösen — selbst in Ländern, in denen der Impf­schutz hoch ist.

In Südafrika, wo fast 2,2 Millionen unbe­han­delte HIV-Infi­zierte leben, waren bis zum 31. Mai nur 183.000 Menschen geimpft worden, was die Gesund­heits­be­hörden veran­laßte, eine neue Infek­ti­ons­welle zu befürchten.

In Indien, wo derzeit die weltweit schlimmste COVID-19-Welle statt­findet, gibt es fast 1 Million Menschen mit unbe­han­delten HIV-Infek­tionen. Nur 12% der Inder haben eine erste Impfung mit dem COVID-19-Impfstoff erhalten, und 3,2% sind voll­ständig geimpft.

Zum Vergleich: In den Verei­nigten Staaten haben 51% der Bevöl­ke­rung die erste Dosis erhalten und 41% sind voll­ständig geimpft.

Wir müssen uns dazu verpflichten, Impf­stoffe weltweit verfügbar zu machen”, sagte Walker vom Ragon-Institut. „Und wir müssen in den Gebieten, in denen die Infektion am schnellsten voran­schreitet, besonders schnell reagieren.”

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