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Ist der Schaden, den Covid-19 im Gehirn anrichtet, so alarmierend, wie er klingt?

Jüngste Forschungen aus Groß­bri­tan­nien zu den gesund­heit­li­chen Auswir­kungen von Covid-19 haben ergeben, daß selbst leichte Fälle signi­fi­kante Verän­de­rungen des Gehirns verur­sa­chen können. Sam Fazeli beant­wortet Fragen zu dieser Entwick­lung und den Auswir­kungen der Ergebnisse.


Selbst milde Fälle können signi­fi­kante Verän­de­rungen im Gehirn verur­sa­chen, wie die Forschung zeigt. Das macht „Leben mit Covid-19” zu einer riskanten und gefähr­li­chen Strategie.

Bloomberg-Artikel von Sam Fazeli, 25 Juni 2021

Jüngste Forschungen aus Groß­bri­tan­nien zu den gesund­heit­li­chen Auswir­kungen von Covid-19 haben ergeben, daß selbst leichte Fälle signi­fi­kante Verän­de­rungen des Gehirns verur­sa­chen können. Sam Fazeli, ein Mitar­beiter von Bloomberg Opinion, der die phar­ma­zeu­ti­sche Industrie für Bloomberg Intel­li­gence abdeckt, beant­wortet Fragen zu dieser Entwick­lung und den Auswir­kungen der Ergeb­nisse. Das Gespräch wurde bear­beitet und gekürzt.

Diese Erkennt­nisse über die Auswir­kungen von Covid-19 auf das Gehirn klingen beun­ru­hi­gend. Wie sehen die Details aus?

In Groß­bri­tan­nien läuft ein unglaub­li­ches Projekt namens UK Biobank, an dem eine halbe Million Erwach­sene im Alter von 40 bis 69 Jahren teil­nehmen. Sie geben regel­mäßig Blut- und andere Proben ab, sowie detail­lierte Gesund­heits­in­for­ma­tionen und tausende von Scans, einschließ­lich Gehirn­auf­nahmen mittels MRI. Dies hat es den Forschern ermög­licht, eine der strengsten Analysen der Auswir­kungen von Covid auf das Gehirn durch­zu­führen. Was die Daten besonders aussa­ge­kräftig macht, ist der Vergleich von Gehirn­bil­dern vor und nach einer Covid-Infektion bei denselben Personen. Was hat sich also gezeigt? Selbst milde Fälle von Covid führten zu einem Volu­men­ver­lust in bestimmten Bereichen des Gehirns, insbe­son­dere in denen, die an der Verar­bei­tung von Geruch und Geschmack beteiligt sind. Aber sie fanden auch einen statis­tisch signi­fi­kanten Hirn­vo­lu­men­ver­lust in der grauen Substanz — der dünnen Schicht auf der Ober­fläche des Gehirns, die die meisten Neuronen enthält — in anderen Bereichen, die an der Gedächt­nis­bil­dung beteiligt sind. Die Autoren speku­lieren, daß dies die Möglich­keit aufwirft, daß selbst milde Fälle von SARS-Cov-2-Infek­tionen schäd­liche Auswir­kungen haben können, die weit über den Zeitraum der Infektion hinaus andauern können.

Was hebt diese Forschung von anderen Covid-Forschungen ab?

Wie bereits erwähnt, ist die besondere Bedeutung dieser Daten darin zu sehen, daß sie mit den Probanden als deren eigene „Kontrolle” erstellt wurden, da Bilder aus der Zeit vor der Covid-Infektion als Vergleich zur Verfügung standen. Außerdem erlaubte diese Art von „Längsschnitt”-Analyse den Forschern, etwas zu entdecken, was sie sonst viel­leicht nicht entdeckt hätten: Menschen, bei denen Covid diagnos­ti­ziert wurde, hatten von Anfang an einen kleineren Thalamus als Menschen, bei denen dies nicht der Fall war. Ohne Zugang zu Hirn­bil­dern von Menschen, bevor sie Covid bekamen, hätte man gefolgert, daß Covid-Infek­tionen zum Verlust von Thalamus-Neuronen führen. Aber tatsäch­lich fanden sie heraus, daß alle, die Covid bekamen, schon vor der Infektion kleinere Thala­mus­re­gionen hatten, so daß dies nichts mit der Infektion selbst zu tun hat. Natürlich stellt sich die Frage, ob Menschen mit einem kleineren Thalamus anfäl­liger für Covid sind oder ob es sich nur um eine merk­wür­dige Asso­zia­tion ohne rele­vanten kausalen Zusam­men­hang handelt.

Ist dieser Befund einzig­artig für Covid, oder wurde er auch bei anderen viralen Erkran­kungen gefunden?

Es gibt andere Viren, die das Nerven­system infi­zieren, wie Masern, HIV, Herpes und Polio, und wie wir wissen, können diese schlimme Folgen haben. Aber das einzige andere häufige Atem­wegs­virus, von dem ich weiß, daß es das Gehirn infi­zieren kann, abgesehen von Coro­no­viren, ist das Respi­ra­to­ri­sche Synzy­ti­al­virus. Aber diese mani­fes­tieren sich meist als Krampf­an­fälle und Gehirn­ent­zün­dungen. Wichtig ist, daß Volu­men­ver­än­de­rungen nur eine der möglichen Gehirn­zu­stände sind, die durch eine Covid-Infektion verur­sacht werden. Es besteht auch das erhöhte Risiko für Krampf­an­fälle, Schlag­an­fälle und das Guillain-Barre-Syndrom. Aber das Problem mit dem Volu­men­ver­lust des Gehirns ist, wenn es nach­weis­lich viel länger als die Zeit der Infektion anhält, ein wesent­lich größeres Problem, da es selbst in leichten Fällen von Covid auftritt.

Wie verändert das Ihre Sicht auf den Umgang mit Covid?

Ich hatte mich schon gefragt, wann wir unsere Beses­sen­heit von Fall­zahlen über­winden und uns mehr auf Kran­ken­haus­auf­ent­halte und Todes­fälle konzen­trieren werden, da Impf­stoffe sehr effektiv sind, um letztere im Vergleich zu milden Infek­tionen zu redu­zieren, vor allem ange­sichts der Zunahme von Varianten. Aber wenn selbst milde Fälle Probleme verur­sa­chen, die echte Morbi­dität für die Zukunft aufstauen, dann sollten wir weiterhin davon besessen sein, selbst milde Fälle von Covid zu unterdrücken.

Könnte dieser Zustand des Gehirns mit einigen der berich­teten „langen Covid”-Symptome verbunden sein? Welche kommen Ihnen in den Sinn?

Einige der Probleme, über die bei langem Covid berichtet wird, stehen in direktem Zusam­men­hang mit der Patho­logie der Covid-19-Krankheit. Dazu gehören Kurz­at­mig­keit als Folge der Lungen­schä­di­gung, Enge­ge­fühl in der Brust, Gelenk­schmerzen, etc. Aber der „Hirnnebel”, der eines der Haupt­pro­bleme ist, über das dieje­nigen berichten, die nach einer Covid-Lang­zeit­ein­nahme leiden, könnte mit genau dem zusam­men­hängen, was diese neue Forschung heraus­ge­funden hat.

Ist es eher ein Problem wegen der möglichen Lang­zeit­folgen oder eher wegen der Tatsache, wie wenig wir über die Auswir­kungen wissen und der schieren Anzahl der poten­tiell betrof­fenen Menschen? Kann es behandelt werden?

Die letzte Frage zuerst: Wahr­schein­lich nicht, da ich nicht glaube, daß es auch nur annähernd ein klares Verständnis darüber gibt, was der Mecha­nismus hinter dem Hirn­vo­lu­men­ver­lust ist. Und Sie haben Recht, das Problem ist, daß wir nicht wissen, wie viele der 180 Millionen Menschen weltweit darunter leiden oder ein erhöhtes Risiko für Demenz oder länger­fris­tige Probleme haben.

Waren die Effekte bei einem bestimmten Perso­nentyp stärker ausgeprägt?

Es gab keinen offen­sicht­li­chen Zusam­men­hang mit dem Alter, aber die Mehrheit der Studi­en­teil­nehmer gehörte zum älteren Teil der Alters­spanne der Teil­nehmer in der Biobank.

Gibt es sonst noch etwas?

Wir brauchen noch viel mehr Forschung, um die länger­fris­tigen Probleme zu verstehen, die durch Covid entstehen. Bis dahin sollten wir unser Bestes tun, um nicht „mit dem Virus leben zu müssen”, wie einige Politiker gesagt haben. Unser Ziel sollte es sein, so nahe wie möglich an die Null-Fälle heran­zu­kommen. Und dafür müssen wir dem Virus einen Schritt voraus sein, was ein viel höheres Maß an geno­mi­scher Über­wa­chung beinhaltet. Wir haben noch einen sehr langen Weg vor uns.

Um den Autor dieser Geschichte zu kontak­tieren:
Sam Fazeli unter mfazeli@bloomberg.net

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