Äthiopien: Der inszenierte Hunger

In Äthiopien gibt es Wasser genug — doch die Entwick­lungs­helfer der UN reden der Welt eine Dürre­ka­ta­strophe ein

Von Lutz Mükke

Artikel mit freund­licher Geneh­migung wieder­ge­geben aus Die Zeit 17/2003

Die drei Minuten vom Empfangs­t­resen im Parterre bis zu seinem Büro im sechsten Stock des UN-Hochhauses in der äthio­pi­schen Haupt­stadt Addis Abeba genügen Wagdi Othman, um alles Wichtige zur aktuellen Ernäh­rungslage des Landes zu sagen: Ausblei­bender Regen führe bei den Bauern im Hochland zu Dürre und Miss­ernten, bei den Nomaden im Flachland zu hohen Verlusten unter den Vieh­be­ständen. „Wenn wir nichts tun, werden in diesem Jahr Millionen Äthiopier verhungern.“ Der 42-jährige Othman ist der Sprecher des UN-Welternährungsprogramms (WFP), des größten und wich­tigsten Nahrungs­mit­tel­ver­teilers in Äthiopien. Und damit man die Dramatik auch ja richtig einschätzt, fügt er hinzu: „Wir stehen vor einer noch größeren Hunger­ka­ta­strophe als 1984.“

Die Bilder aus Äthiopien gingen damals um die Welt und sind vielen Menschen im Gedächtnis geblieben: weit aufge­rissene Kinder­augen in riesig wirkenden Kinder­schädeln; apathisch wirkende junge Mütter mit dürren Babys auf den Armen; Auffang­lager voll hungernder Menschen, die in entle­genen Dörfern aufge­brochen sind, um einem Gerücht zu folgen, das irgendwo Essen verhieß.

In Stapeln aufge­schichtet, liegen 64 Seiten starke Hoch­glanz­mappen griff­bereit neben Othmans Schreib­tisch. In düsteren Farben prognos­ti­zieren sie anhand von Schau­bildern, Zahlen­ko­lonnen und Tabellen eine „Hunger­ka­ta­strophe Äthiopien 2003“, die alle bishe­rigen Desaster übertreffe — auch die Hungersnot von 1984. Damals, schreibt das WFP, starben eine Million Menschen. Heute seien fast alle Regionen des Landes von gigan­ti­schen Ernte­ein­bußen betroffen. Allein in den Regionen Amhara, Oromiya und Somali seien über neun Millionen Menschen von der akuten Hungersnot bedroht. Auf die Ziffer genau listet das Pres­se­ma­terial auf, dass Äthiopien in diesem Jahr 1 441 142 Tonnen Nahrungs­mittel und 75 109 559 Dollar an Nothilfe benötigt, um das Überleben eines Fünftels der Gesamt­be­völ­kerung zu sichern.

Kräftige Rinder und Kamele an gut gefüllten Wasserstellen

Täglich empfängt der ehemalige BBC-Korrespondent Othman in seinem klima­ti­sierten Büro derzeit Jour­na­listen aus aller Welt, auf dass sie die alar­mie­renden Zahlen hinaus­tragen. Nur durch ihre Berichte kommt die inter­na­tionale Hilfs­ma­schi­nerie richtig in Gang. Von den Medien hängt es mit ab, wie viele Millionen Dollar in den kommenden Monaten nach Äthiopien fließen werden. Die USA, Groß­bri­tannien und die Nieder­lande hätten ange­sichts der Prognosen bereits umfang­reiche Hilfen zuge­si­chert, sagt Othman. Deutschland halte sich bedau­er­li­cher­weise noch zurück.

Nach zwei­tä­giger, 600 Kilometer langer Fahrt mit Tempo 25 über nicht enden wollende Straßen und Pisten fällt das zerklüftete äthio­pische Hochland abrupt in die weite Ebene der soma­li­schen Halbwüste. Mit der Talfahrt steigen die Tempe­ra­turen. Die Berge bleiben als monu­mentale Silhouette zurück. Der klapprige Bus biegt auf den holprigen Platz von Jigjiga ein, der Haupt­stadt des soma­li­schen Teils Äthiopiens, der im Volksmund seit der Kolo­ni­alzeit Ogaden genannt wird.

Jigjiga ist ein Nest: einige pompöse Verwal­tungs­ge­bäude, ein geschäf­tiger Markt, schäbige Hotels und Bars, eine Mili­tär­station — alles zusam­men­ge­kittet von zahllosen Lehm­häusern mit Well­blech­dä­chern. Christen und Muslime haben die Stadt unter­ein­ander aufge­teilt. Links der Haupt­straße wohnen die einen, rechts die anderen. Durch die Straßen fahren Mili­tär­jeeps und quiet­schende Garis, die landes­üb­lichen Pfer­de­karren. Mittags können die Tempe­ra­turen hier bis auf über 40 Grad Celsius steigen. Am Stadtrand haben seit zehn Jahren ein paar tausend Bürger­kriegs­flücht­linge aus dem benach­barten Somalia in einer Zeltstadt Zuflucht gefunden. Zur Grenze sind es nur zwei Auto­stunden. Der Schmuggel mit dem nahen Somalia blüht. Daran ändern auch die nach dem 11. September einge­rich­teten Mili­tär­posten nichts, die an der Straße in Richtung Somalia jedes Fahrzeug kontrol­lieren. Zehn­tau­sende Soldaten sandte die äthio­pische Regierung, Busen­freund der USA, in den letzten Monaten in den Ogaden, um die 1500 Kilometer lange Grenze zu kontrol­lieren und unter dem Vorwand des „Kampfes gegen den Terror“ Mili­tär­ak­tionen auf dem Terri­torium des alten Erzfeindes Somalia durchzuführen.

Im WFP-Papier wird die karge, von Dornen­bü­schen überzogene Somali-Region als eines von der Hungersnot am schlimmsten gebeu­telten Gebiete beschrieben. 1,1 Millionen Menschen seien davon betroffen. Allein im Gebiet um Jigjiga sollen 264000 vom Hungertod gefährdete Somali auf Hilfe hoffen. Von ausge­zehrten Kühen und Kamelen ist die Rede. „Die gegen­wärtige Wasser­si­tuation ist für Mensch und Tier wegen zweier ausge­fal­lener Regen­zeiten alar­mierend“, heißt es. Zu sehen ist davon weit und breit nichts. Trotz Trockenzeit ziehen Tausende kräftiger Rinder, Kamele, Ziegen und Schafe durch die flim­mernde Ebene der Halbwüste. Wie in einer bibli­schen Szenerie sammeln sich um die gut gefüllte Wasser­stelle „Oman“ viele hundert Tiere in guter Verfassung und mit prallen Höckern. Bauern und Nomaden aus dem Umkreis zweier Tages­märsche berichten, es gebe keine wirkliche Not.

Der 22-jährige Faisal Achmed, in zerfetztem Adidas-T-Shirt und Sandalen aus Auto­reifen, und seine beiden hoch aufge­schos­senen, drahtigen Brüder erzählen in der sengenden Mittags­hitze, sämtliche ihnen bekannte Tränken führten Wasser. Niemand von ihrer weit in der kargen Ebene verstreuten Familie leide derzeit Hunger. „Und in der nächsten Zeit bleibt das auch so“, sagen die Achmed-Brüder und lachen opti­mis­tisch; sie berufen sich dabei auf die Sterne, aus denen die Ältesten ihres Clans das Wetter lesen. Dann treiben sie ihre stamp­fende und blökende Rinder­herde weiter den staubigen Hang hinunter, dem schlammig-braunen Wasser entgegen.

In Jigjiga ist die Hitze des Tages lauer Abendluft gewichen. Im kleinen Garten des Africa Hotel nippt Mohammed Beul an einer Flasche Mine­ral­wasser, Somali-Musik dudelt aus einer knis­ternden Laut­spre­cherbox. In Jigjiga kennt man den schweig­samen Mann mit der tief ins Gesicht gezogenen Schirm­mütze unter dem Spitz­namen Pilot. Gesprächig wird Beul erst, als er das Stichwort „Nahrungs­mit­tel­hilfe“ hört. In der soma­li­schen Halbwüste als Nomade aufge­wachsen, spülte das Leben den heutigen Rentner zuerst in die Sowjet­union, später in die USA und dort in die Air Force zur Jagd­flie­ger­aus­bildung. Er blieb schließlich in San Diego hängen, besucht aber von dort aus immer wieder seine alte Heimat. „Sie schreiben über die derzeitige Hunger­ka­ta­strophe? Da sind Sie hier falsch.“ Beul nippt am Mine­ral­wasser. „Ich habe in den letzten beiden Monaten den Ogaden durch­quert. Es gibt hier und da Probleme, aber von einer Kata­strophe habe ich nichts gesehen.“

Als draußen im fahlen Licht der Hotel­be­leuchtung ein großer weißer Toyota Land Cruiser mit dem Aufkleber „WFP“ hält, sagt Beul: „Schreiben Sie doch über die da!“ Zwei gut gekleidete Herren steigen aus dem Cruiser. „Die fahren die größten Autos, stecken die dicksten Gehälter ein, und die wenigsten haben auch nur annähernd eine Ahnung vom Leben der Nomaden.“ Beul ist voller Verachtung für die Hilfs­or­ga­ni­sa­tionen, die seit Jahren in so genannten Feeding Centers kostenlos Getreide an nomadisch lebende Somali seines Clans verteilen. „Das führt mitt­ler­weile dazu, dass die Nomaden ihre Wander­routen ändern und dort hinziehen, wo gerade kostenlos Getreide verteilt wird. Das meiste davon wird an die Tiere verfüttert oder weiter­ver­kauft. Außerdem gewöhnen sich meine Leute an Getreide als Nahrung. Das Zeug ist wie eine Droge für sie. Es zerstört ihre Ernäh­rungs­weise, denn früher haben sie ausschließlich von ihren Tieren gelebt.“

Plötzlich fängt Beul an zu lachen: „Hören Sie das? Ihre Hunger­ka­ta­strophe fällt gerade ins Wasser.“ Laut krachen schwere Regen­tropfen auf das Vordach des Hotels. Es regnet die ganze Nacht, den kommenden Morgen und die nächsten Tage. Kein Stern ist mehr zu sehen.

Auch in Dire Dawa fällt Regen. Die Stadt, die eine halbe Tages­reise von Jigjiga entfernt liegt, wurde 1902 auf Geheiß des äthio­pi­schen Kaisers Menelik als Handels­zentrum an der Eisen­bahn­strecke Addis Abeba-Dschibuti errichtet und ist heute Äthiopiens zweit­größte Metropole. Jeden Tag rumpeln die Züge im Schne­cken­tempo über den rostigen, schmal­spu­rigen Schie­nen­strang in Richtung Dschibuti, an den Golf von Aden. Die Gleise verlaufen direkt hinter der herun­ter­ge­kom­menen Zoll­station von Dire Dawa.

Gegenüber hat die kirch­liche Hilfs­or­ga­ni­sation Hararghe Catholic Services ihre unscheinbare Zentrale. Hier arbeitet Doktor Paulo Pironti, der in der Entwicklungshelfer-Community Äthiopiens als ausge­wie­sener Noma­den­spe­zialist gilt. Der hagere Italiener lebt seit 18 Jahren in Äthiopien. Von einem kleinen schmuck­losen Arbeits­zimmer aus regiert der Agrar­wis­sen­schaftler zusammen mit dem ansäs­sigen Bischof über 80 Entwick­lungs­helfer, die sowohl mit Nomaden im Tiefland als auch mit Bauern im Hochland arbeiten. „Eine Hunger­ka­ta­strophe haben wir hier im Tiefland nicht. Das sind drama­tisch zuge­spitzte Prognosen, die eintreten können oder auch nicht.“ Pironti schüttelt den Kopf. „Das Problem ist, dass viele der so genannten Experten und Politiker in Addis nie aus ihren klima­ti­sierten Büros heraus­kommen. Sie haben keine Ahnung vom Leben der Nomaden und geben deshalb jedes kranke Kamel gleich für eine Kata­strophe aus.“

Eine Renais­sance des Islams, mit Geld aus Saudi-Arabien

Pirontis Gesicht nimmt wütende Züge an. Er holt tief Luft, zündet sich eine Zigarette an, dann sagt er: „Seit mehr als zwanzig Jahren wird Getreide nicht nur herge­bracht, um Bedürf­tigen zu helfen, sondern um die Produk­ti­ons­über­schüsse der hoch subven­tio­nierten Bauern in den USA, Kanada und West­europa abzubauen. Oder warum sonst gibt man uns nicht Bargeld? Dafür könnte ich hier in der Region doppelt so viel Getreide kaufen, weil die Preise niedriger sind und die langen Trans­portwege wegfallen würden.“ Immer wilder gesti­ku­liert er. Warum engagiere sich der Westen denn so für Äthiopien? Weil das Land ein stra­te­gi­sches Bollwerk sei zwischen dem isla­mi­schen Sudan und Somalia und gegenüber der arabi­schen Halbinsel!

Doch auch Äthiopien scheint bedroht: Während der christlich-orthodoxe Bevöl­ke­rungs­anteil im Land schwindet, erlebt der Islam hier eine Renais­sance. Den Bau zahl­reicher neuer Moscheen, isla­mi­scher Schulen und Kran­ken­häuser in vielen Landes­teilen ermög­licht vor allem Geld aus Saudi-Arabien. Was die offi­zi­ellen Statis­tiken lange verschwiegen, wird nun offen­sichtlich: Etwa die Hälfte aller Äthiopier sind Muslime.

Grund genug für die USA, nach dem 11. September noch mehr Militär– und Nahrungs­mit­tel­hilfe nach Äthiopien zu pumpen, um die christ­liche Regierung zu stützen. Da achtet niemand so genau darauf, wo diese Hilfs­güter dann landen.“ Pironti kommt hinter seinem Schreib­tisch hervor und greift zur nächsten Zigarette. „Gar keine Zweifel, es gibt hier hungernde Menschen und große Not. Die Frage muss aber lauten, warum das noch immer so ist. Wenn Sie Ihre Hunger­ge­schichte haben wollen, dann fahren Sie doch weiter nach Mieso. Dort hatten einige Dörfer Total­aus­fälle bei der letzten Ernte. Denen geht es wirklich schlecht. Von dort kommen die Hunger­bilder im Fernsehen. In diese Gegend fahren die meisten Jour­na­listen, auch der Präsident war schon für ein paar Stunden da.“

Draußen regnet es Blasen, die Straßen sind leer gefegt, die Leute haben in Cafés Unter­schlupf gefunden oder stehen dicht gedrängt in Haus­ein­gängen und unter Vordä­chern. Es riecht nach feuchter Erde.

Kurve für Kurve winden sich die Serpen­tinen bis auf 2500 Meter die steilen Berge hinauf. Mit Tempo 30 wühlt sich der Allrad durch die im Regen und Schlamm abge­soffene Straße in Richtung Mieso. Die Heizung ist defekt, den Blick in die tiefen Täler versperren dicke Wolken. Es ist kalt.

Hier an der Straße im Dorf Melkahora lebt der Bauer Aliye Mumed. Der Mann verlässt seine runde Lehmhütte und eilt den Besuchern über sein moras­tiges Feld entgegen. Er fröstelt und schiebt nur kurz seine Hand zum Gruß unter dem dicken bunten Baum­wollumhang hervor. Regen rinnt sein zerfurchtes Gesicht herunter. Wir hocken uns unter eine Akazie. Die 2,5 Hektar Land können ihn, seine Frau und die vier Kinder nicht ernähren. Das Wetter habe nicht mitge­spielt. Freut er sich über den jetzigen Regen? Der 53-Jährige schluckt: „Der Regen ist gut für unsere beiden Ochsen. In einer Woche gibt es wieder Gras. Ansonsten hilft er uns nicht.“ Inzwi­schen sind Mumeds Nachbarn herbei­geeilt. Über die Hilfs­lie­fe­rungen, die sie erhalten, sagt einer: „Pro Kopf kriegen wir zehn Kilo Mais im Monat. Wir essen seit Monaten nichts anderes. Aber das Schlimmste daran ist, dass man diesen komischen Mais aus dem Ausland nicht säen kann. Er ist steril!“

Aliyes Nachbarn beginnen zu schimpfen: Ohne Saatgut seien sie dauerhaft von den Hilfs­lie­fe­rungen abhängig. Aliye Mumed reckt seine von der Arbeit kräftigen Hände zum Himmel und lässt sie dann hilflos fallen: „Schauen Sie mein Feld an! Es ist gepflügt, alles ist bereit. Jetzt könnte ich anfangen zu säen! Viel­leicht hätte ich dieses Mal Glück.“ Er verstummt, macht ein beklom­menes Gesicht und kehrt, als der Regen stärker wird, in seine Hütte zurück.

Getreide, das als Nahrungs­mit­tel­hilfe nach Äthiopien geliefert wird, ist aus verschie­denen Gründen kaum keimfähig. Manche Sorten sind generell nicht zur Aussaat geeignet, andere sind aus so alten Lager­be­ständen, dass ihre Keim­fä­higkeit verloren ging, wieder andere sind thermisch vorbe­handelt. Die äthio­pische Regierung hat das Saat­gut­problem zwar erkannt, aber sie macht daraus ein Geschäft. Sie hat ein „Land­wirt­schaft­liches Paket-Programm“ aufgelegt, das den Bauern Saatgut und Dünger auf Kredit­basis verkauft. Doch gerade den Bauern, die wirklich Not leiden, hilft das Paket wenig. Nicht nur durch die Rück­zah­lungs­raten begeben sie sich in gefähr­liche Abhän­gig­keiten, sondern auch mit dem Saatgut. Denn dabei handelt es sich um hoch­ge­züch­teten Hybrid­samen von der ameri­ka­ni­schen Firma Pioneer Hi-Bred Inter­na­tional, der gerade mal für eine Saison reichlich Ernte verspricht. Er kann sich nicht selbst vermehren und muss Jahr für Jahr neu angekauft werden.

Anderthalb Stunden nach dem Start in Addis Abeba setzt das kleine Passa­gier­flugzeug der Ethiopian Airlines zur Landung in Bahir Dar an. Im glei­ßenden Sonnen­schein glitzert die riesige, 3500 Quadrat­ki­lo­meter große Wasser­fläche des Lake Tana. Hier entspringt der Blaue Nil. Alles Land rings­herum ist dicht besiedelt. Aus der Luft ist gut zu sehen, wie die Bauern auf ihren hand­tuch­großen Feldern jede Fläche nutzen. Vom Flughafen der Stadt Bahir Dar aus, berühmt für die bis zu tausend Jahre alten ortho­doxen Klöster der Gegend, sind es noch 100 Kilometer bis Debre Tabor, einer kleinen Stadt in der Amhara-Provinz Süd-Gondar.

Hier arbeitet Klaus Feldner. Von der Veranda seines Hauses blickt der Land­wirt­schafts­ex­perte, der für die Gesell­schaft für Tech­nische Zusam­men­arbeit (GTZ) das Projekt „Inte­grierte Ernäh­rungs­si­cherung Süd-Gondar“ leitet, auf seinen von Blumen überquel­lenden Garten. Auch seine Region ist nach offi­zi­eller Lesart von der Hungersnot stark betroffen. Der bärtige Franke schüttelt ungläubig den Kopf, nachdem er die Zahlen und Statis­tiken der prognos­ti­zierten Kata­strophe studiert hat. „Es sind ja wieder ein paar Distrikte mehr als ernäh­rungs­un­sicher einge­stuft worden. Ich habe es in meinen sieben Jahren hier noch nicht erlebt, dass auch nur ein einziger wieder aus dieser Statistik heraus­ge­nommen wurde. Dieser Status bleibt dann bestehen, egal, ob es gute oder schlechte Ernte­jahre sind. Hier in den Dörfern gibt es mal einzelne Familien, die in Not geraten. Aber es ist nie das ganze Dorf.“ Feldner ist sich „ganz sicher, dass Äthiopien sich nicht nur selbst ernähren, sondern sogar Getreide expor­tieren könnte. Das Potenzial dieses Landes ist riesig.“

Nach 36 Jahren Arbeit als Entwick­lungs­helfer steht Feldner kurz vor der Pensio­nierung. Süd-Gondar ist sein letztes Projekt und sein „erster Erfolg“, wie er sagt: die Getrei­de­sorte Triticale, eine Kreuzung zwischen Weizen und Roggen. An der südafri­ka­ni­schen Univer­sität Stel­len­bosch in zwei tropen­taug­lichen Varianten gezüchtet, holte Feldner Triticale in den Neun­zigern noch einmal nach Äthiopien, nachdem frühere Bemü­hungen der äthio­pi­schen Regierung gescheitert waren, andere Triticale-Züchtungen hier heimisch zu machen. Inzwi­schen verbreitet sich das Korn mit den langen Grannen unab­hängig von den GTZ-Bemühungen rasant auf den kleinen Feldern der amha­ri­schen Bauern. Denn Triticale kann die Ernte­er­träge mehr als verdoppeln und pflanzt sich selbst fort. Um Feldners Meis­ter­stück zu begut­achten, machten sich sogar einige äthio­pische Minister und Botschafter der EU-Staaten aus dem fernen Addis Abeba auf den Weg nach Debre Tabor.

Wut auf die Entwick­lungs­helfer in Schlips und Kragen

Für diesen Erfolg musste der bullige 60-Jährige aller­dings sehr unor­thodoxe Wege gehen: Um mona­te­lange Warte­zeiten am Zoll, Einfuhr­kosten und nerven­rau­bende Debatten mit der Regierung über den Nutzen von Triticale zu umgehen, schmug­gelte er kurzerhand Saatgut und Ausrüstung nach Äthiopien. Auch mit der ortho­doxen Kirche Äthiopiens legt sich Feldner immer wieder an, weil die den streng gläubigen Bauern im amha­ri­schen Hochland an unzäh­ligen Feier­tagen verbietet, auf ihren Feldern zu arbeiten. „Hier dürfen die Bauern nur rund 120 Tage im Jahr arbeiten.“

In seinen staubigen Arbeits­kla­motten ist Feldner der lebendige Gegensatz zu den Katastrophen-Managern in Addis Abeba, einer, der sich noch in „Gummi­stie­fel­pro­jekten draußen in der Pampa“ abmüht. Ihn ärgert, dass sich die Entwick­lungs­hilfe in Äthiopien immer mehr „veraka­de­mi­siert“. Stetig vermehrten sich die hoch quali­fi­zierten Wissen­schaftler, die in Schlips und Kragen als Berater in der Haupt­stadt die Schreib­tische bevölkern. „Was fehlt, sind Leute, die noch selbst einen Pflug in die Hand nehmen können“, bemängelt Feldner.

Dem Welt­er­näh­rungs­pro­gramm wirft er Doppel­moral vor. Er hält es für viel zu regie­rungsnah, außerdem verfolge es mit dem regel­mä­ßigen Ausrufen von Hunger­ka­ta­strophen auch eigene Inter­essen, welche die Welt­öf­fent­lichkeit kaum wahrnehme. „Würde es keine Hunger­ka­ta­strophen geben, könnte das WFP seine riesige Orga­ni­sation nicht mehr finan­zieren. Für jede verteilte Tonne Nahrungs­mittel bekommen die Geld. Darum haben sie ein starkes Interesse, Krisen­si­tua­tionen aufzu­bau­schen. Äthiopien, Südsudan und Bangla­desch waren in den letzten Jahr­zehnten die immer spru­delnden Geld­quellen für das WFP.“

Ohne einfluss­reiche Freunde könnte Feldner in Süd-Gondar aller­dings nichts bewegen. Einer, den er auf seiner Seite weiß, ist der hoch­rangige Regie­rungs­beamte Jonas Bekele.* Ein Anruf Feldners genügt, und Bekele ist zu einem Interview bereit. Schlüs­sel­po­si­tionen wie seine sind fast ausnahmslos mit Mitgliedern der alles beherr­schenden Regie­rungs­partei Revo­lu­tionäre Demo­kra­tische Front der äthio­pi­schen Völker (EPRDF) besetzt. Sie alle sind der offi­zi­ellen Linie verpflichtet. Bekele aber sagt Dinge, die von Regie­rungs­an­ge­stellten höchst selten zu hören sind und die den kleinen Mann mit den stechenden Augen den Job kosten können. Das Wetter sei nicht schuld an der momen­tanen Nahrungs­mit­tel­knappheit, sagt Bekele, vielmehr seien „nach Jahr­zehnten der Nahrungs­mit­tel­hilfe mitt­ler­weile fünf bis sechs Millionen Äthiopier permanent abhängig davon. Das hat in Süd-Gondar zu einer Nehmer­men­ta­lität unter den Bauern geführt, die zerstö­re­risch ist. Wir haben uns an die Hilfe gewöhnt wie an die aufge­hende Sonne. Unter den Bauern hier kursiert seit Jahren der Spruch: Wir beten für Regen in Kanada.“

Mit Kritikern macht die Regierung kurzen Prozess

Seine Mitar­beiter kichern, Bekele aber verzieht keine Miene. „Wir müssen unsere Bauern wieder in die Lage versetzen, dass sie sich selbst ernähren können“, fährt der Ökonom fort. „Die Aufgabe der Hilfs­or­ga­ni­sa­tionen darf nicht sein, den einfachen Leuten Brot zu bringen. Die Helfer sollten sie befähigen, es selbst zu backen. In den letzten 20 Jahren sind gewaltige Summen Entwick­lungs­hil­fe­gelder verschleudert worden. Das muss ein Ende haben!“ Viele Hilfs­or­ga­ni­sa­tionen verstärkten das Problem, das sie eigentlich lösen sollten. Denn deren Funk­tionäre zögen ihre Exis­tenz­be­rech­tigung aus dem Orga­ni­sieren der Nahrungs­mit­tel­hilfe, argu­men­tiert der Staats­beamte. Ein gewal­tiger Vorwurf — den der 141 Mitglieder starke Dach­verband der katho­li­schen Hilfs­or­ga­ni­sa­tionen in Äthiopien teilt. Dort geht man davon aus, dass sich mitt­ler­weile ein Drittel der 325 im Land regis­trierten Hilfs­or­ga­ni­sa­tionen ausschließlich mit der Verteilung von Lebens­mitteln beschäftigt. Die in Sonn­tags­reden und Konzept­pa­pieren viel gepriesene „nach­haltige Entwicklung“ und „Hilfe zur Selbst­hilfe“ blieben auf der Strecke.

Bekele berichtet von enormen Getrei­de­über­schüssen, die in verschie­denen Landes­teilen Äthiopiens immer wieder produ­ziert würden. Die letzte Rekord­ernte habe es 2001 gegeben. Von solchen Überschüssen profi­tieren jedoch weder die notlei­denden Menschen noch die produ­zie­renden Bauern. Zum einen weil es kein funk­tio­nie­rendes Vermark­tungs­system gibt. Zum anderen weil auch in guten Jahren Nahrungs­mit­tel­hilfe ins Land strömt. Von den pro Jahr durch­schnittlich 800000 Tonnen impor­tierten Getrei­de­lie­fe­rungen landen nach Exper­ten­schät­zungen zwischen 20 und 40 Prozent zu Spott­preisen auf den Märkten der Städte und Dörfer. Kein Bauer kann mit diesen Dumping­preisen konkur­rieren. In vielen Regionen wird deshalb einfach kein Getreide mehr angebaut. Statt­dessen gedeihen auf riesigen Flächen in Ostäthiopien die Büsche der Kaudroge Khat, deren amphet­ami­n­ähn­liche Wirk­stoffe (Kathamine) am Horn von Afrika in ganzen Land­strichen die Menschen in freudige Lethargie versetzen.

Die grünen Blätter der Droge versprechen den Bauern neben schönen Stunden jenseits aller Sorgen auch satte Gewinne. Denn der Khat-Markt wächst sowohl innerhalb Äthiopiens als auch auf der arabi­schen Halbinsel, in Europa und den USA. In den vergan­genen Jahren avan­cierte Khat — neben Kaffee, Öl– und Hülsen­früchten sowie Vieh — zum wich­tigsten land­wirt­schaft­lichen Exportgut des Landes.

In ihren öffent­lichen Verlaut­ba­rungen und Konfe­renzen beteuern die Regie­rungs­ver­treter in Addis Abeba immer wieder, dass man von der Nahrungs­mit­tel­hilfe loskommen müsse. Doch statt­dessen wird die Hilfs­in­dustrie immer perfekter kontrol­liert. Denn für die derzeitige Regie­rungs­partei EPRDF, die unan­ge­fochten allein herrscht und über ein weit verzweigtes Wirt­schafts­im­perium verfügt, ist Nahrungs­mit­tel­hilfe keine Notlösung, sondern ein wahrer Segen. Von den seit 1984 bis heute impor­tierten 14 Millionen Tonnen Getreide profi­tierten die Machthaber.

Große Handels– und Trans­port­firmen, die die Nahrungs­mit­tel­hilfe im Land verteilen und sich im Besitz der Regie­rungs­partei befinden, verdienen an jeder Tonne Nahrungs­mittel bis zu 150 Dollar. Je nach Ausmaß der prokla­mierten Notsi­tuation fließen so oft drei­stellige Millio­nen­summen Jahr für Jahr in die Kassen der Partei. Zudem nutzt die EPRDF Nahrungs­mit­tel­hilfe als ein Beloh­nungs­system, um ihre Anhänger bei der Stange zu halten.

In die Region Tigre etwa, das Gebiet, aus dem die EPRDF-Führungsspitze stammt, werden rund 30 Prozent der Nahrungs­mittel geleitet, obwohl in Tigre lediglich zehn Prozent der Gesamt­be­völ­kerung leben und die Hilfs­be­dürf­tigkeit als nur „durch­schnittlich“ einge­schätzt worden war. Dies fand eine Studie des Grain Market Research Project 1998 heraus. Mehr noch: Nur 22 Prozent der Hilfe kommen überhaupt bei Bedürf­tigen an; die meisten Nahrungs­mittel landen einfach dort, „wo von jeher viel hinge­flossen ist“. Das sind Orte, wo „Regierung und Hilfs­or­ga­ni­sa­tionen lang­fristig in Personal, Kontakte, Büros und Fahrzeuge inves­tiert haben“. Einen „signi­fi­kanten Zusam­menhang zwischen Nahrungs­mit­tel­mangel und Empfängern von Hilfs­gütern“ konnte das amerikanisch-äthiopische Wissen­schaft­lerteam nicht feststellen.

Unmit­telbar nach Veröf­fent­li­chung dieser brisanten Ergeb­nisse veran­lasste die äthio­pische Regierung die sofortige Been­digung des Forschungs­pro­jektes. Kurz zuvor war es noch als leuch­tendes Beispiel der Koope­ration zwischen Äthiopien, der ameri­ka­ni­schen Entwick­lungs­hil­fe­be­hörde USAid und der Michigan State University gefeiert worden. „Wir wurden von sehr hoch­ran­gigen äthio­pi­schen Poli­tikern persönlich unter Druck gesetzt, die Ergeb­nisse unserer Studie zu überar­beiten und einige an der Arbeit betei­ligte äthio­pische Kollegen gegen lini­en­treue Funk­tionäre auszu­wechseln“, sagt Thom S. Jayne, Professor für Agrar­öko­nomie an der Michigan State University und damaliger Betreuer des Projektes. „Als wir beidem nicht nachkamen, weil wir weder unsere Ergeb­nisse noch unsere Mitar­beiter anzwei­felten, mussten wir das Land verlassen“.

Der Ameri­kaner wundert sich bis heute, warum die Ergeb­nisse seiner Studie inter­na­tional so wenig Beachtung fanden. Seine Erklärung: „Die geostra­te­gische Lage Äthiopiens war auch vor dem 11. September schon von so großer Bedeutung für den Westen, dass die Polit­öko­nomie alles domi­nierte. Die äthio­pische Regierung beherrscht die Hilfs­or­ga­ni­sa­tionen voll und ganz. Von den west­lichen Gebern wird das geduldet, weil es offenbar nur darum geht, dass die Macht in Äthiopien in der Hand der jetzt herr­schenden christ­lichen Elite bleibt.“

Aller­dings scheint es dieser Elite statt um christ­liche Werte lediglich um blanke Macht­er­haltung zu gehen. Mit kriti­schen Geistern macht die äthio­pische Regierung generell kurzen Prozess. Zahllose poli­tische Gegner verschwinden ohne Gerichts­ver­fahren in den Gefäng­nissen, Regie­rungs­gegner werden hinge­richtet, Studen­ten­pro­teste nieder­ge­knüppelt, unliebsame Entwick­lungs­helfer des Landes verwiesen, äthio­pische Jour­na­listen eingesperrt.

Wegen der Teilnahme an den Studen­ten­pro­testen 2001 war auch einer der promi­nen­testen Oppo­si­tio­nellen Äthiopiens, der Ökonom und Bürger­rechtler Berahanu Nega, inhaf­tiert worden. Zum Inter­view­termin im Sheraton Hotel Addis Abeba, wo die Übernachtung anderthalb Jahres­ge­hälter eines Durch­schnitt­säthio­piers kostet (150 Dollar), verspätet sich Nega, weil er auf den 50 Metern der herr­schaft­lichen Marmor­lobby von einem halben Dutzend Sympa­thi­santen freudig begrüßt wird. Der kleine agile Mann entschuldigt sich für die Unpünkt­lichkeit, bestellt ein Wasser und kommt schnell zur Sache: „Folgt einer Trockenheit auto­ma­tisch eine Hunger­ka­ta­strophe? Natürlich nicht. Das hat struk­tu­relle Ursachen. Zum Beispiel die, dass nach wie vor der Staat den gesamten Grund und Boden besitzt. Privat­in­ves­ti­tionen etwa in Bewäs­se­rungs­systeme oder neue Produk­ti­ons­weisen unter­bleiben deshalb. Unsere Bauern produ­zieren mit Holz­pflügen wie vor 3000 Jahren. Der durch­schnitt­liche Bauer bewirt­schaftet heute lediglich einen Hektar Land, und das gilt für 85 Prozent der 65 Millionen Äthiopier.“

Nega steht kurz auf, geht ein paar Schritte, um sich Luft zu machen, setzt sich wieder und fährt fort: „Unsere Regierung will nichts ändern, sie will weder die Land­pri­va­ti­sierung noch Indus­tria­li­sie­rungs­stra­tegien. Warum? Viel­leicht weil sie nur so ihre Macht erhalten kann. In den Städten hat sie ihre Anhän­ger­schaft längst verloren.“ Nahrungs­mit­tel­hilfe aus dem Ausland, glaubt der 45-jährige Nega, trage nicht zur Lösung dieser Probleme bei, sondern zemen­tiere sie. Die Geber­länder und die Hilfs­or­ga­ni­sa­tionen sollten ihr Augenmerk auf die Demo­kra­ti­sierung Äthiopiens legen. „Eine nach­haltige Entwicklung kann ja nur von innen kommen.“

Alle Fern­seh­teams drehen dieselben Hungerbilder

Die Vertretung der EU hat ihren Sitz in Addis Abeba zwischen Stadt­zentrum und Flughafen hinter dem großen Stahltor der einstigen DDR-Botschaft. Obwohl die EU an der Erstellung der offi­zi­ellen Prognosen über die drohende Hunger­ka­ta­strophe beteiligt war, sieht man hier das Zahlenwerk eher kritisch — jeden­falls, solange niemand namentlich zitiert wird. Die Zahlen seien schon deshalb „nur einge­schränkt glaub­würdig“, weil es in weiten Teilen des Landes gar keine funk­tio­nie­rende Verwaltung und somit keine verläss­liche Daten­er­hebung gebe, merkt ein mit der Materie vertrauter Mitar­beiter an. Die zwei Dutzend Teams, die aus Mitar­beitern der äthio­pi­schen Regierung, der UN sowie der Hilfs­or­ga­ni­sa­tionen bestanden und auf deren Arbeit sich das Zahlenwerk stützt, habe die Lage im November 2002 in einer Art „Raus aus den Gelän­de­wagen, rein in den Geländewagen“-Umfrage einge­schätzt. Anschließend hätten die Verant­wort­lichen beim Abfassen des Berichts „um die Millionen, die hungern werden, gefeilscht“. Zudem sei der Bericht auch Ausdruck des Vertei­lungs­kampfes um die jährlich zu verge­benden Hilfstöpfe. Seit Monaten rollt bereits eine Hilfs­welle für Hungernde im südlichen Afrika. Um da überhaupt noch wahr­ge­nommen zu werden, brauche es drama­tische Zahlen.

Die Vertreter der äthio­pi­schen Regierung und des Welt­er­näh­rungs­pro­gramms plädierten sogar dafür, die Welt­öf­fent­lichkeit mit einer noch höheren Zahl von Hungernden zu konfron­tieren, die Leute der EU wollten nied­rigere. „Irgendwie einigte man sich“, erzählt der Mitarbeiter.

Hilfs­or­ga­ni­sa­tionen und Medien haben eines gemeinsam: Sie leben von Kata­strophen“, urteilt Hans-Josef Dreckmann. Bevor er 2001 nach Deutschland zurück­kehrte, arbeitete er 13 Jahre lang als Afrika-Korrespondent für die ARD. Er kennt Äthiopien. „Das Reizwort Äthiopien ist ein wirksames Druck­mittel auf zahlungs­kräftige Regie­rungen, weil sich viele Menschen immer noch an die verhee­rende Hunger­ka­ta­strophe von 1984/85 erinnern“, sagt der heute 64-Jährige. „Damals haben die äthio­pische Regierung und die inter­na­tionale Gemein­schaft es zuge­lassen, dass im Norden des Landes Zehn­tau­sende verhun­gerten. Dieses unbe­schreib­liche Sterben konnte man seinerzeit zum ersten Mal hautnah im Fernsehen miter­leben. Diese Bilder waren ein Schock, und Äthiopien spielt diese Erfahrung seither immer wieder als Joker aus. Auch für die Hilfs­or­ga­ni­sation ist es leicht, mit dem Symbol Äthiopien die Öffent­lichkeit zu mobilisieren.“

Sein letztes einschnei­dendes Erlebnis mit Hunger­ka­ta­strophen in Äthiopien hatte Dreckmann im Jahr 2000, als „über Nacht plötzlich schreck­liche Bilder aus Äthiopien auf den Fern­seh­bild­schirmen“ erschienen. Einmal mehr hatte das Welt­er­näh­rungs­pro­gramm für die Publicity gesorgt und Fern­seh­teams einge­flogen, deren Bilder ihre Wirkung nicht verfehlten. BBC, Reuters, CNN — die Großen der Branche berich­teten. „Äthiopien 2000“ wurde zum Selbst­läufer: Die Heimat­re­dak­tionen forderten von ihren Afrika-Korrespondenten Berichte an über das, was sie bereits im Fernsehen gesehen hatten. Die Schlag­zeilen der Boulevard-Presse überschlugen sich. Dreckmann: „Alles spielte sich nur in dem kleinen Ort Gode im Ogaden ab. Aber die Bilder im Fernsehen waren so verdichtet, dass man den Eindruck bekommen musste, ganz Äthiopien versinke wieder im Hunger. In Gode drehten praktisch alle Fern­seh­teams dieselben Hunger­bilder und hatten dieselben Inter­view­partner. Die Einzel­si­tuation wurde aufs Land hoch­ge­rechnet. Und es kursierten Zahlen von mehr als zehn Millionen Hungernden.“

Diese Übertreibung ging selbst der WFP-Chefin Catherine Bertini zu weit. Doch ihr Statement „Das ist keine Hunger­ka­ta­strophe“ verhallte nun ungehört, die Kata­stro­phen­be­richt­er­stattung war längst auf Touren, eine diffe­ren­zierte Darstellung drang nicht mehr durch. Als der Korre­spondent Dreckmann dem Ansinnen der ARD-Heimatredaktion nicht folgte, für eine quoten­trächtige Kata­stro­phen­story nochmals nach Äthiopien zu fliegen, schickte man kurzerhand den Kollegen Hans Hübner los.

An Ort und Stelle konnte der heute 63-jährige Hübner, einst selbst Afrika-Korrespondent, dann zwar Unter­er­nährung, aber keine Hunger­ka­ta­strophe entdecken. Er lieferte der Tages­schau in Hamburg daraufhin einen Bericht, der dem Spen­den­aufruf nicht das Wort redete. Ohne auf seine Recher­che­er­geb­nisse Rücksicht zu nehmen, habe die Tages­schau dennoch die Spen­den­aktion anrollen lassen, erinnert sich Hübner. Zwischen der Redaktion und dem Jour­na­listen sei es daraufhin zu „Verstim­mungen“ gekommen.

Den Höhepunkt der dies­jäh­rigen Hunger­ka­ta­strophe prognos­ti­zieren die äthio­pische Regierung und der Sprecher des Welt­er­näh­rungs­pro­gramms, Wagdi Othman in Addis Abeba, für die Monate April und Mai. Sie mahnen zur Eile. Bis dahin müssten die vielen Millionen Dollar und Nahrungs­mittel ins Land geschafft sein.

Und niemand wird ihnen vorwerfen können, sie hätten nicht früh­zeitig gewarnt.

* Name von der Redaktion geändert

© DIE ZEIT 16.04.2003 Nr.17

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