Archiv für August 2002

Marc Faber — Im Zwielicht

Dienstag, 20. August 2002

Original: In the Twilight Zone vom 6. August 2002
Ueber­setzt von Kai Hacke­messer August 2002

Einbrüche in den west­lichen Kapi­tal­märkten würden düstere Zeiten wirk­licher wirt­schaft­licher Not erahnen lassen, behauptet Dr. Marc Faber

Ich habe bereits früher begründet, daß das Fehlen jeglichen Grund­la­gen­wissens über die Zukunfts­aus­sichten und Gewinne der gelis­teten Unter­nehmen nicht nur auf das Internet und den TMT–Bereich (Tech­no­logie, Medien und Tele­kom­mu­ni­kation) zutrifft, sondern auf die meisten Unternehmen.

Für mich war klar, daß das Internet eine Welt des „reibungs­losen Kapi­ta­lismus” hervor­bringen würde, welcher wiederum die Unter­neh­mens­ge­winne drücken würde, da die meisten Unter­nehmen einen guten Anteil ihrer Profite aus dieser Reibung gewannen. Reibung infla­tio­niert die Preise, reduziert die Rivalität und schützt die Margen.

Die gewinn­freund­liche Reibung kommt in vielerlei Gestalt. Unwis­senheit des Kunden ist vermutlich der wich­tigste Faktor, andere sind örtliche Monopole und der Mangel an Verhand­lungs­ge­schick der kleineren Unter­nehmen. Es war eindeutig so, daß das Internet viel mehr Trans­parenz in die Märkte gebracht hat und diese Reibungen weit­gehend beseitigt hat, während B2B-Knoten es kleineren Unter­nehmen viel leichter gemacht hat, sich zusam­men­zu­schließen und Zuge­ständ­nisse ihrer Liefe­ranten zu erzwingen — wozu zuvor nur große Unter­nehmen in der Position waren.

Und obwohl Ich seinerzeit schrieb, daß ich glaube, eine Zeit der sehr enttäu­schenden Unter­neh­mens­ge­winne habe begonnen, habe ich eine Form der Reibung übersehen, welche mit der gesell­schaft­lichen Grund­stimmung der Anle­ger­ge­meinde zusam­men­hängt — oder, um es zu verein­fachen, mit deren Unwis­senheit und gren­zen­loser Leichtgläubigkeit.

In den späten 90ern waren Unter­nehmen in der Lage, gewaltige Gewinn­stei­ge­rungen zu verbuchen, weil es einfach kaum jemanden inter­es­siert hat, wie diese Gewinne erzielt wurden. In anderen Worten wurde die Anle­ger­ge­meinde — gefangen in einem Wirbelwind der Speku­lation und geblendet durch die bulli­schen Kommentare der Geschäfts­führer, Analysten und Mr. Greenspan — darauf ausge­richtet, alle Arten von Buch­hal­tungs­tricks, Akti­en­rück­käufe auf Kredit, gefähr­liche speku­lative Anla­ge­po­si­tionen und sogar blanken Betrug, um die Gewinne anzu­kurbeln, zu ignorieren.

Die Situation in den 90ern verkörpert, was der fran­zö­sische Soziologe Gustave Le Bon mehr als 100 Jahre zuvor in seinem Klassiker „Psycho­logie der Massen” beob­achtet hat, als er schrieb, daß die Masse „nicht vorbe­reitet ist, zuzugeben, daß irgend­etwas zwischen ihren Willen und die Reali­sierung ihres Willens kommen kann”, während „die Idee der Unmög­lichkeit für das Indi­viduum in der Masse verschwindet”. Solange die Aktien stiegen, hat sie niemand wirklich gesorgt. (weiter­lesen…)