Ein Brief aus Argentinien

Quelle
Übersetzt am 7. Juni 2002 von Kai Hacke­messer

Die Gold­horter in Japan können sicher­lich das volks­wirt­schaft­liche Leid Argen­ti­niens immer ernst­hafter nach­emp­finden. Wir lesen davon, daß japa­ni­sche Haushalte dieser Tage sich Edel­me­tall Barren für Barren schnappen, offen­sicht­lich befürch­tend, daß die Probleme, welche das nationale Banken­system beinahe ein Jahrzehnt heim­su­chen, eher schlimmer als besser werden.

Vergli­chen mit Argen­ti­nien stellt Japan jedoch ein Bild einer gesunden Volks­wirt­schaft dar. Wie schlimm läuft es heut­zu­tage in einem Land, welches bis vor kurzem eine der erfolg­reichsten Mittel­klas­se­be­völ­ke­rung der Welt hatte?

Hier ein Bericht aus den Schüt­zen­gräben — Ich möchte Sie warnen, er ist nichts für zart­be­sai­tete Gemüter. Er stammt von einem Argen­ti­nier, der regel­mäßig mit einem meiner Freunde in Phil­adel­phia korre­spon­diert. Die in dem Brief beschrie­benen Zustände liegen jenseits der Vorstel­lungs­kraft der meisten Ameri­kaner, jedoch nicht länger hinter jener der Japaner:

Ich möchte Dir folgende Ange­le­gen­heit mitteilen, lieber E.M. Ich bin sogar noch weiter im Landes­in­neren als Buenos Aires, weitab der Kata­stro­phen der Groß­städte. In weniger als einem Jahr ist die Prozent­zahl derer, die in Armut leben, hier von 14% auf 50% gestiegen — und steigt Tag für Tag weiter! Nun ist etwas seltsames hier geschehen. Ich weiß nicht, ob diese eigen­tüm­liche Situation im Ausland bekannt ist, aber die Banken — alle, einschließ­lich der Citibank, Boston, Banca Nazionale del Laboro, der Societe General und Deutsch­lands zweit­größter Bank — haben die Erspar­nisse des Volkes schlicht gestohlen. Dies ist eine beispiel­lose Situation in der Neuzeit und ich bin mir sicher, daß es früher oder später woanders Auswir­kungen zeigen wird. Aber die Tatsache ist einfach: Am einen Tag hatte man Geld auf der Bank, und am anderen Tag, wenn man es abzuheben versuchte, war es nicht mehr da. Alle Banken sagen einfach „Wir haben es nicht.”

Kannst Du dir das vorstellen? Nicht nur daß die Erspar­nisse von jedem einschließ­lich der älteren über Nacht verschwunden sind, ebenso sind unser Glaube und unsere Zuver­sicht in die poli­ti­schen und Finanz­in­sti­tu­tionen in diesem Land geschwunden. Und selbst jene, die keine Erspar­nisse zu verlieren hatten, wie in meinem Fall, sind schwer betroffen von der Krise, einfach weil das Volk in allen Lebens­lagen kein Geld mehr hat. Sie können sich nicht mit ihren Anwälten und Buch­hal­tern über die Sachlage beraten, weil sie kein Geld haben, um solche Dienste zu bezahlen. Deswegen sind sogar die berühm­testen Profes­sio­nellen wegen des gewal­tigen Geschäfts­aus­falls pleite. Und selbst die Leute, welche noch arbeiten, können kein volles Gehalt beziehen, weil die Summe, die sie jeden Monat erhalten können, beschränkt wurde. Um es noch schlimmer zu machen, hat der Zuver­sichts­ver­lust seinen Tribut bei mora­li­schen und ethni­schen Werten gefordert, weswegen Entfüh­rungen, Drogen­miß­brauch, Selbst­mord­raten unter Jugent­li­chen und Jugend­kri­mi­na­lität mit alar­mie­render Geschwin­dig­keit zunehmen.”

Wir in Amerika nehmen es als selbst­ver­ständ­lich hin, daß unsere Situation niemals in solchem Ausmaße herun­ter­kommen könne. Aber nur vor wenigen kurzen Jahren hätten auch nur wenige in Argen­ti­nien sich solche Bedin­gungen ausmalen können. Selbst wenn die USA unver­sehrt aus der volks­wirt­schaft­li­chen Besche­rung in Argen­ti­nien und Japan heraus käme, ist nun jedoch eine Sache klar:

Für die vorher­seh­bare Zukunft wird Gold — die markt­fä­higste aller Waren — Gefan­gener jener Ängsten sein, die nicht über­zeu­gend beruhigt werden können.

Tags: ,

Leave a Reply

Kommentare werden moderiert. Es kann etwas dauern, bis dein Kommentar angezeigt wird.

*