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Äthiopien: Der inszenierte Hunger

Donnerstag, 12. Juni 2003

In Äthiopien gibt es Wasser genug — doch die Entwick­lungs­helfer der UN reden der Welt eine Dürre­ka­ta­strophe ein

Von Lutz Mükke

Artikel mit freund­licher Geneh­migung wieder­ge­geben aus Die Zeit 17/2003

Die drei Minuten vom Empfangs­t­resen im Parterre bis zu seinem Büro im sechsten Stock des UN-Hochhauses in der äthio­pi­schen Haupt­stadt Addis Abeba genügen Wagdi Othman, um alles Wichtige zur aktuellen Ernäh­rungslage des Landes zu sagen: Ausblei­bender Regen führe bei den Bauern im Hochland zu Dürre und Miss­ernten, bei den Nomaden im Flachland zu hohen Verlusten unter den Vieh­be­ständen. „Wenn wir nichts tun, werden in diesem Jahr Millionen Äthiopier verhungern.“ Der 42-jährige Othman ist der Sprecher des UN-Welternährungsprogramms (WFP), des größten und wich­tigsten Nahrungs­mit­tel­ver­teilers in Äthiopien. Und damit man die Dramatik auch ja richtig einschätzt, fügt er hinzu: „Wir stehen vor einer noch größeren Hunger­ka­ta­strophe als 1984.“

Die Bilder aus Äthiopien gingen damals um die Welt und sind vielen Menschen im Gedächtnis geblieben: weit aufge­rissene Kinder­augen in riesig wirkenden Kinder­schädeln; apathisch wirkende junge Mütter mit dürren Babys auf den Armen; Auffang­lager voll hungernder Menschen, die in entle­genen Dörfern aufge­brochen sind, um einem Gerücht zu folgen, das irgendwo Essen verhieß.

In Stapeln aufge­schichtet, liegen 64 Seiten starke Hoch­glanz­mappen griff­bereit neben Othmans Schreib­tisch. In düsteren Farben prognos­ti­zieren sie anhand von Schau­bildern, Zahlen­ko­lonnen und Tabellen eine „Hunger­ka­ta­strophe Äthiopien 2003“, die alle bishe­rigen Desaster übertreffe — auch die Hungersnot von 1984. Damals, schreibt das WFP, starben eine Million Menschen. Heute seien fast alle Regionen des Landes von gigan­ti­schen Ernte­ein­bußen betroffen. Allein in den Regionen Amhara, Oromiya und Somali seien über neun Millionen Menschen von der akuten Hungersnot bedroht. Auf die Ziffer genau listet das Pres­se­ma­terial auf, dass Äthiopien in diesem Jahr 1 441 142 Tonnen Nahrungs­mittel und 75 109 559 Dollar an Nothilfe benötigt, um das Überleben eines Fünftels der Gesamt­be­völ­kerung zu sichern.

Kräftige Rinder und Kamele an gut gefüllten Wasserstellen

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